Die Ritterrüstung der Erwartungen erkennen
- 18. März
- 4 Min. Lesezeit
Welche Erwartungen hast du an deine Liebsten, dein Umfeld, dein Leben?
Erwarte viel und du wirst enttäuscht sein. Erwarte wenig und du wirst überrascht werden. Immer und immer wieder.
Mein Verstand liebt es, Erwartungen an mein Umfeld zu formulieren. Beispielsweise: «Hoffentlich regnet es heute nicht», «Wenn ich in den nächsten drei Minuten einen Vogel am Himmel kreisen sehe, dann liebt er mich wirklich», «Ich will von meiner Schwester endlich die Wertschätzung erhalten, die ich mir verdient habe!» und so weiter und so fort. Die Haltung dazu ist: «Ich will die Kontrolle haben, ich muss die Kontrolle haben, koste es, was es wolle!»
Mein Geist zeichnet so gedanklich die ganze Zeit Bilder, wie etwas, eine Person, eine Situation, mein Leben zu sein hat. Und ohje, das Leben lässt sich leider nicht manipulieren, es nimmt keine Forderungen entgegen und lässt sich durch nichts und niemanden steuern. Es ist einfach, wie es ist.
Weshalb sollten wir die Erwartungen erkennen?
Dieses Erwartungs-Roulette erinnert mich an ein Lotto-Spiel. Wir setzen auf 6 Zahlen, doch (fast) nie kommen die zum Zug! Was dazu führt, dass meine Erwartungen in unglaublich vielen Fällen nicht erfüllt werden. Und unerfüllte Erwartungen sind eine Quelle von Leid, Wut, Ärger, Scham und vielen weiteren negativen Gefühlen. Diese Gefühle sind intensiv, wollen verarbeitet, verdrängt oder integriert werden, das kostet uns sehr viel Energie. Ganz zu schweigen von der emotionalen Belastung und den seelischen Schmerzen.
Ja, ab und zu werden unsere Erwartungen auch mal erfüllt, dann finden wir Bestätigung, Stolz und fühlen uns so richtig dem Leben überlegen. Diese positiven Emotionen sind jedoch sehr flüchtig, denn nach der Erwartungserfüllung wartet bereits die nächste unerfüllte Erwartung. Dieses Hamsterrad ist bei unglaublich vielen Menschen der Motor ihres leidvollen Lebens.
Das Leben hat uns nie versprochen, unsere Erwartungen zu erfüllen.
Lies dir den Satz oben nochmals durch. Echt nicht?
Hinter unseren Erwartungen steckt die Angst vor der Unbeständigkeit des Lebens. Das Leben ist wild, schön, ruhig, schmerzhaft, ungezähmt und in jeder Sekunde ein Abenteuer. Es lässt sich nicht planen, nicht verwalten, nicht bekämpfen. Es muss nicht gewonnen, nicht gemeistert, nicht bezähmt werden. Es will einfach erfahren und erlebt werden. Doch diese Haltung setzt voraus, dass wir zu einem grossen Teil die Kontrolle loslassen und ersetzen durch tiefes Vertrauen. Dass wir uns darauf einlassen in das, was jetzt unmittelbar in diesem Augenblick geschieht. Ein inneres «Ja» zum «Jetzt».
Dass dieser Schritt kein einfacher, ja gar kein einzelner Schritt sein kann, leuchtet sofort ein. Der Weg scheint zu weit, um diese Haltungsänderung in einem Schritt zu bewältigen. Vielmehr ist es ein Weg, ein Prozess, auf dem viele Wegmarkierungen und Entscheidungspunkte liegen, die experimentiert und erlebt werden wollen.
Welche Funktion haben die Erwartungen?
Doch zurück zu den Erwartungshaltungen. Die Erwartungshaltungen sind so wie eine Ritterrüstung, die uns vom echten Leben trennt. Und uns Schutz bietet vor all dem, was uns (wieder) verletzen könnte. Diese schwere Ritterrüstung zu tragen macht uns müde, denn Ritterrüstungen sind schwer. Sie machen uns unbeweglich, unflexibel und das Visier nimmt uns zu einem grossen Teil die Sicht auf das Leben da draussen.
Nimm mal dieses Visier ab. Siehst du, wie da draussen auf dem Spielfeld des Lebens das Leben eh macht, was es will? Ganz egal, ob du eine Ritterrüstung trägst, oder nicht? Nur für dich macht es einen enormen Unterschied, ob du dein Leben in dieser Ritterrüstung lebst oder es dir gelingt, die Rüstung über die Zeit abzulegen.
Und für dein Umfeld wird es ebenfalls einen massiven Unterschied machen, ob sie mit einem Menschen zusammen sind, der immerzu eine Ritterrüstung trägt. Oder jemandem, der leicht, flexibel, bewusst und kraftvoll durchs Leben geht. Der die Kleinheit und die Angst losgelassen und das Vertrauen zum Leben gewonnen hat.
Reflexionsfragen
Richte deine inneren Augen, deine Aufmerksamkeit auf dein Leben, vielleicht auf die letzten paar Tage. Lass sie in deinem inneren Kinosaal vorbeiziehen. Siehe dir selbst beim Leben zu.
Wo siehst du Ritterrüstungen? (Ja, vor allem bei dir. Bei den anderen Menschen fällt es uns immer viel rascher auf). In der Familie? Im beruflichen Alltag? In der Freizeit?
Wo ist die Rüstung besonders gut ausgebaut? Wo sind nebst dem Brustpanzer auch der riesige Helm, die Beinschoner sowie die hünenhaften Handschuhe zu sehen?
Wo zeigst du dich fast nackt? Schutzlos und frei?
Wie gelingt es dir, dich so frei zu fühlen? Auf welche inneren Ressourcen kannst du da vertrauen? Auf welche Ressourcen in deinem Umfeld?
Wie könnte es dir gelingen, die Ritterrüstung ein ganz kleines bisschen abzulegen? Vielleicht einfach mal die Handschuhe? Was bräuchtest du dazu? Von dir selbst? Von den anderen? Um was könntest du bitten?
Häufige Fragen zu den Erwartungshaltungen
Woran erkenne ich überhaupt, dass ich gerade in meiner „Ritterrüstung“ stecke?
Du erkennst es oft an deinen Gefühlen: Ärger, Enttäuschung oder Frust sind starke Hinweise darauf, dass eine Erwartung nicht erfüllt wurde. Auch innerer Druck („Es muss doch so sein!“) oder gedankliche Drehschleifen zeigen dir: Hier hält gerade eine Rüstung die Kontrolle fest.
Warum halte ich so hart an meinen Erwartungen fest, obwohl sie mir oft nicht guttun?
Weil Erwartungen Sicherheit versprechen. Sie geben dir das Gefühl, das Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen. Hinter ihnen steckt oft eine leise Angst: vor Enttäuschung, vor Ablehnung oder vor dem Gefühl, nicht gesehen zu werden.
Was verändert sich, wenn ich beginne, meine Erwartungen loszulassen?
Es entsteht Raum. Raum für Überraschung, für echte Begegnung und für das, was ist – statt für das, was sein sollte. Du wirst beweglicher, leichter und weniger abhängig davon, wie andere sich verhalten oder wie das Leben „laufen müsste“.
Wie kann ich konkret anfangen, meine Ritterrüstung ein Stück abzulegen?
Nicht, indem du sie wegwirfst oder abwertest – sondern indem du sie bewusst wahrnimmst. Fang klein an: Ersetze eine Erwartung durch Neugier. Statt „Er sollte mich verstehen“ vielleicht „Ich bin gespannt, was er wahrnimmt“. Dieser kleine Wechsel öffnet bereits einen Spalt im Visier.
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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch
„Lebe in Leichtigkeit und Freiheit – Vertraue dem Prozess“.
Das Buch lädt dich ein, alte Muster zu erkennen, innere Enge zu würdigen und neue Räume von Vertrauen zu öffnen.
Ein Buch für Menschen, die sich selbst ernst nehmen und dem Leben wieder mehr zutrauen möchten.



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