Was ist die Währung in der Gruppe?
- Franziska Stebler

- 18. März 2024
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Dez. 2025
Der gruppendynamische Raum
Der gruppendynamische Raum ist ein Modell zur Beschreibung, Erklärung und Gestaltung von gruppendynamischen Prozessen. Wenn wir professionell mit Gruppen arbeiten, als Scrum Master, Agile Coach oder Teams führen als Führungskräfte, ist dieses Wissen Gold wert.
Wer kennt es nicht: Menschen, die mir eben auf dem Gang noch ihre privaten Geheimnisse kundgetan haben, sind im anschliessenden Meeting mir gegenüber zugeknüpft und wirken schon fast missmutig. Es ist, als spricht da eine andere Person. Wie kann das sein?
Durchaus kann das sein, den auf dem Gang im Zweier-Gespräch wirken fundamental andere Dynamiken als in einem Team oder in einem Meeting. Sobald mehrere Menschen zusammen sind, wirkt die Gruppendynamik. Und frei zitiert nach Olaf Geramanis (Professor für Gruppendynamik) "Gruppendynamik ist wie Wetter - es ist immer da und wirkt. Egal, ob wir es bewusst wahrnehmen oder nicht."
Der gruppendynamische Raum besagt im Kern, dass drei Variablen die Dynamik einer Gruppe wirken:
Zugehörigkeit (drinnen - draussen, welchen Gruppierungen gehört man an)
Macht / Einfluss (oben - unten, wie ist die Macht in der Gruppe verteilt, wer besitzt wie viel Macht)
Intimität - (nah - fern, wie nahe und fern sehen sich die Gruppenmitglieder zueinander, wie viel Sympathie empfinden sie füreinander - für einzelne Paar-Beziehungen, aber auch für die Gruppe insgesamt)
Will man die Dynamik einer Gruppe verstehen, so ist es notwendig, die Einflüsse dieser drei Variablen zu verstehen als auch deren Interaktion (gegenseitige Beeinflussung).
Macht / Einfluss
Macht als gruppendynamische Variable bezieht sich auf das Ausmass, in dem eine Person oder Teilgruppierung eines Teams Prozesse steuern und kontrollieren bzw. Einfluss auf Entscheidungen nehmen kann.
Mögliche Diagnosefragen sind:
Kann ich persönlich genug Einfluss auf Gruppenprozesse und Entscheidungen ausüben, um die eigene Zukunft im Team in meinem Sinn mitbestimmen zu können?
Gelingt es mir, dass Andere mich innerhalb der Gruppe unterstützen?
Kann ich genug Steuerung und Kontrolle loslassen, um mich auch von anderen unterstützen, beeinflussen und belehren zu lassen?
Kann ich im Team auch delegieren? Kann ich mir ein Stück Verantwortung abnehmen lassen? Inwieweit muss ich mich für alles selbst verantwortlich fühlen?
Zugehörigkeit
Zugehörigkeit bezieht auf die Frage, ob und in welcher Rolle man der betreffenden Gruppe, aber auch anderen Gruppierungen angehört.
Beispielsweise haben Vollzeit-Mitarbeiter häufig andere Interessen, haben andere Wirkung, zeigen andere Verhaltensweisen als Teilzeitmitarbeiter.
Mögliche Diagnosefragen sind:
Bin ich in dieser Gruppe (als ein vertrauenswürdiger Mensch) akzeptiert?
Werde ich auch dann akzeptiert, wenn ich andere Meinungen oder Positionen vertrete als der Rest der Gruppe?
Was ist der Preis des Zusammenhalts in dieser Gruppe?
Steigen Motivation und Leistung durch das allmähliche Zusammenfinden und die Annäherung innerhalb der Gruppe?
Wenn die Gruppe ihre globalen Ziele fast erreicht hat, wird sich dann die Gruppe einfach auflösen oder wird etwas zurückbleiben (Treffen, Besuche, …)?
Intimität
Intimität bezieht sich auf die soziale Nähe und Distanz der Mitglieder einer Gruppe untereinander. Sie beschreibt, wie nahe wir anderen Menschen kommen wollen bzw. wie weit wir zulassen, dass sich andere uns nähern. Sympathie, Zuneigung, Attraktivität, Wärme, Liebe und auch Sexualität gehören dazu. Es geht darum, wem wir was anvertrauen und andere uns anvertrauen, wie weit andere uns liebenswert erscheinen bzw. „riechen können“ und umgekehrt.
Gruppen mit starkem „Wir-Gefühl“ (Kohäsion) entwickeln ein Bedürfnis nach Nähe und Übereinstimmung. Die Gruppenmitglieder nehmen positiv aufeinander Bezug und betonen die Ähnlichkeiten. Es kann ein Gefühl der Geborgenheit in der Gruppe entstehen. Dann sind die Mitglieder auch bereit, Persönliches oder sogar Intimes mitzuteilen und eine „Grundstimmung von wechselseitiger Anteilnahme und Fürsorge breitet sich aus, die alle Beteiligten geniessen“. Mögliche Diagnosefragen zur Diagnose der Dynamik in Gruppen in Bezug auf Intimität:
Sind sich alle in der Gruppe mehr oder weniger gleich nah oder gibt es Unterschiede? Gibt es Normen dafür, bzw. darf es Unterschiede geben?
Wie sieht die Rangordnung gegenseitiger Sympathie oder Attraktivität aus? Was bewirkt diese?
Überwiegt das Bestreben nach Autonomie und Selbständigkeit (mit Distanz) oder der Wunsch nach Gemeinsamkeit und Hingabe an die Gruppe?
Inwieweit entstehen Freundschafts- oder sogar Liebes-Beziehungen? Wie wirkt das auf die Anderen? Inwieweit neigen diese zu Exklusivität?
Diagnosefragen für Scrum Master, Agile Coaches und Führungskräfte:
Mein Team
Zugehörigkeit
Wie ist das Zusammengehörigkeits-Gefühl in meinem Team ausgeprägt? Gering oder stark? Ist die Zugehörigkeit zum ganzen Team am deutlichsten ausgeprägt? Oder gibt es Grüppchen mit ausgeprägtem Zugehörigkeitsgefühl?
Gehöre ich als Führungskraft zum Team oder stehe ich eher ausserhalb des Teams?
Macht / Einfluss
Wie ist der Einfluss der Teammitglieder untereinander ausgeprägt? Ist der Einfluss der Teammitglieder untereinander eher gleich ausgeprägt? Oder gibt es einen informalen Führer? Oder gibt es eine Hackordnung?
Wie gross ist mein informaler und formaler Einfluss auf die Gruppe?
Intimität
Wie eng stehen die Team- / Gruppenmitglieder untereinander? Gibt es da grosse Unterschiede? Wie könnte das Soziogramm des Teams aussehen?
Wie gross ist meine Nähe / Distanz zum Team insgesamt bzw. zu den einzelnen Teammitgliedern?
Diese Fragen und die Antworten können Anhaltspunkte sein, um Wahrnehmung zu schärfen, Spannungen im Team zu lösen und selbst die persönlichen Beziehungen zu den Mitarbeitenden klarer wahrzunehmen. Zusätzlich können es gute Anhaltspunkte für Verhaltensweisen der Teammitglieder sein, die sich dann im Rahmen von persönlichen oder Teamgesprächen zum Beispiel mit der gewaltfreien Kommunikation ansprechen lassen.
Es zeigt sich, dass die Prozessgestaltung, Moderation und Führung von Teams keine simple Sache ist. Im Gegenteil, sie ist komplex, da vor allem nebst der gruppendynamischen Ebene auch die persönliche Ebene der einzelnen Mitglieder immer mitschwingt.
Als Erfahrungsraum für die Gruppendynamik hat sich die T-Gruppe oder Trainingsgruppe etabliert. Sie bietet maximales Erfahrungslernen zum gruppendynamischen Raum, Beziehungen und Feedback geben und nehmen an. Meine Erfahrung zu diesem Lernsetting: schmerzhaft und maximal eingängig. Es hat mich mit mir selbst, meiner Beziehungsqualität und meiner Teamkompetenz konfrontiert und ich konnte viel profitieren für meinen professionellen Umgang mit Teams und Menschen.
Fazit: Die Währung im gruppendynamischen Raum
Der gruppendynamische Raum zeigt uns, dass Teams nicht nur aus einzelnen Personen bestehen, sondern aus einem komplexen Zusammenspiel von Zugehörigkeit, Macht/Einfluss und Intimität. Diese drei Variablen wirken gleichzeitig und beeinflussen, wie Entscheidungen getroffen, Beziehungen gepflegt und Konflikte gelöst werden.
Wer die Dynamik bewusst wahrnimmt, kann Spannungen früh erkennen, die Zusammenarbeit gezielt steuern und die Beziehungen im Team stärken. Führungskräfte, Scrum Master und Agile Coaches profitieren besonders, wenn sie die feinen Signale lesen und den Raum reflektiert gestalten – sei es durch gezielte Teamgespräche, Beobachtung informaler Machtstrukturen oder durch Übungen, die Nähe und Vertrauen fördern.
Teams, in denen Zugehörigkeit, Machtbalance und Intimität gesund wirken, arbeiten nicht nur effektiver, sondern erleben auch mehr gegenseitige Unterstützung, Wertschätzung und nachhaltige Motivation.
Häufige Fragen zum Thema Gruppendynamik
Wie erkenne ich, ob die Macht- und Einflussverhältnisse in meinem Team ausgeglichen sind?
Beobachte, wer Entscheidungen trifft, wer sich einbringt und wer eher passiv bleibt. Achte darauf, ob einzelne Personen informell dominieren oder ob alle Stimmen gehört werden. Diagnosefragen wie „Kann ich Einfluss auf Entscheidungen nehmen?“ oder „Fühle ich mich unterstützt?“ helfen, die Balance sichtbar zu machen.
Was tun, wenn es in meiner Gruppe Untergruppen oder Grüppchen gibt?
Untergruppen sind normal, können aber Spannungen erzeugen. Reflektiere, wie stark die Zugehörigkeit innerhalb und zwischen den Gruppen ist. Moderiere offene Gespräche, fördere gemeinsame Ziele und gemeinsame Rituale, um das Wir-Gefühl zu stärken und Ausgrenzungen zu vermeiden.
Wie gehe ich mit Unterschieden in der Intimität bzw. Nähe zwischen Gruppenmitgliedern um?
Es ist normal, dass Nähe und Distanz variieren. Wichtig ist, Transparenz zu schaffen: Welche Themen dürfen offen geteilt werden, welche bleiben privat? Übungen, in denen Feedback oder Wertschätzung geübt wird, stärken Vertrauen und helfen, Nähe bewusst zu gestalten, ohne dass sich jemand überfordert fühlt.
Wie kann ich die Gruppendynamik nutzen, ohne sie zu manipulieren?
Nutze Beobachtung und Selbstreflexion, um die Dynamik zu verstehen, nicht um sie zu kontrollieren. Stelle Fragen, hole Feedback ein, unterstütze Beteiligung und Kommunikation. Ziel ist ein gesunder, offener Raum, in dem alle Mitglieder ihre Rollen wahrnehmen und Verantwortung tragen können – ohne Machtspiele oder Unterdrückung.
Zur Vertiefung von Gruppendynamik und Konflikten, findest du Theorien und Praktiken im Buch Konflikt, ledig, sucht ... Nein, danke!




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