top of page

«Das klären wir auf der Sachebene»

  • Autorenbild: Franziska Stebler
    Franziska Stebler
  • 10. Aug. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Dez. 2025

... wurde mir gestern schon wieder gesagt ...


In beruflichen Arbeitsgruppen nehme ich wahr, dass zwischenmenschliche Kontakte primär einer sachlichen Zielsetzung dienen und dadurch abgeleitet wird, dass vieles (alles 🤔) auf der sachlichen Ebene geklärt werden kann. Auch wenn die Zusammenarbeit gestört oder persönliche Konflikte im Raum sind.


Ein Beispiel


Hier ein Beispiel aus einem IT-Team, das sich so oder ähnlich in diversen Arbeitsgruppen abspielen könnte … Die Software-Architektin und der Software-Entwickler haben unterschiedliche Sichtweisen, ob und wie eine neue Technologie eingesetzt werden soll. Hier ist eine Klärung auf der Sachebene angebracht, in der die unterschiedlichen Sichtweisen Platz finden und gemeinsam eine Entscheidung getroffen wird.


Werden solche Entscheide bevorzugt von der Software-Architektin im Alleingang entschieden, ohne die Sichtweisen des Teams einzuholen, kann die Differenz schnell auf die Beziehungsebene rutschen. Die Software-Entwickler erleben sich in der Mitwirkung sehr stark eingeschränkt. Sie setzen die Entscheide der Software-Architektin um, die Technologieentscheidung hat für sie grosse Konsequenzen. Deshalb wollen sie bei dieser grundlegenden Entscheidung zumindest angehört werden. Aber die Software-Architektin will rasch entscheiden, da grosser Zeitdruck herrscht. Zusätzlich hat sie viel Erfahrung.


Die Software-Entwickler fühlen sich übergangen, nicht geschätzt und der Ärger nimmt zu. Leider wagen sie nicht, dies offen auszusprechen. Es schaukelt sich hoch, die Spannungen nehmen zu. In den Meetings mit dem Team werden die Aussagen spitzer, die Zündschnur wird kürzer. Hinter den Kulissen wird abwertend über die Software-Architektin gesprochen. Der Elefant im Team bläht sich auf und wird präsenter. Spätestens jetzt ist eine Klärung nur auf der Sachebene nicht mehr angebracht.


Typische Warnsignale, dass die Beziehungsebene geklärt werden sollte


Es gibt Hinweise, die darauf hindeuten, dass ein Konflikt nicht mehr allein auf der Sachebene gelöst werden kann. Dazu gehören zum Beispiel:


  • Aussagen werden spitzer, der Ton schärfer

  • Meetings fühlen sich angespannt an oder werden gemieden

  • Entscheidungen werden zwar umgesetzt, aber innerlich nicht mitgetragen

  • Rückzug, Schweigen oder vermehrtes Homeoffice

  • Abwertende Gespräche über andere „hinter den Kulissen“

  • Das Gefühl, nicht gehört oder nicht ernst genommen zu werden


Spätestens hier lohnt es sich, innezuhalten und der Beziehungsebene bewusst Raum zu geben.


Klärung auf der Beziehungsebene


Die Klärung im ganzen Team muss zwingend auch die Gefühle und Absichten der Parteien einschliessen. Wut, Abwertung, Ärger und Enttäuschung muss ausgesprochen werden können. Absichten wie „ich musste schnell entscheiden“, „ich wollte euch entlasten“, „ich fühle mich übergangen“, „ich fühle mich nicht ernst genommen“, „fehlende Wertschätzung“ … all dies muss unbedingt auf den Tisch. Das ist schmerzhaft und heilsam. Dies klärt die Beziehungsebene und öffnet den Raum für eine stimmigere Art von Entscheidungsfindung.


Im Klärungsgespräch hat die Beziehungsebene Vorrang vor der sachlichen Ebene. In diesem Beispiel würde zuerst das Zwischenmenschliche geklärt und dann der Entscheidungsprozess neu skizziert werden. So können wir die Beziehungsebene stärken und die Zusammenarbeit verbessern.


Geben wir in Arbeitsgruppenklärungen der Beziehungsebene keinen Raum, haben die Vereinbarungen aus den Sachklärungsworkshops eine Halbwertszeit von ein paar Tagen bis Wochen. Bestenfalls.


Eigene Erfahrung?


Wie erlebst du das? Werden in deinem Umfeld Klärungen auf der Beziehungsebene forciert oder umgangen?


Und falls du beim Lesen den Impuls verspürt hast, dass die Beziehungsebene bei euch in der beruflichen Arbeitsgruppe / im Team geklärt werden sollte, damit eure Zusammenarbeit wieder gut funktioniert, dann unterstütze ich dich gerne dabei.



Klärungen auf der Beziehungsebene


Die Klärung auf der Beziehungsebene erfordert gute Kommunikationskompetenzen sowie Empathie für alle Anwesenden. Also eine neutrale Haltung zu den Menschen, den Situationen sowie den Lösungen.


Erst wenn die Beziehung geklärt ist, das, was emotional belastet hat, kann die Sachebene geklärt werden.



Fazit: Erst Beziehung, dann Sache

„Das klären wir auf der Sachebene“ klingt vernünftig – greift aber zu kurz, sobald Emotionen, Kränkungen oder unausgesprochene Erwartungen im Raum stehen. Wo Menschen zusammenarbeiten, wirken immer beide Ebenen: die sachliche und die Beziehungsebene. Wird Letztere übergangen, melden sich Spannungen früher oder später umso deutlicher zurück.

Nachhaltige Klärung entsteht dort, wo Ärger, Enttäuschung und unerfüllte Bedürfnisse benannt werden dürfen – in einem geschützten Rahmen und mit professioneller Prozessführung. Erst wenn sich Menschen gesehen und ernst genommen fühlen, wird echte Zusammenarbeit wieder möglich. Dann bekommen auch sachliche Vereinbarungen Substanz und Bestand.

Beziehungsklärung ist kein „weicher Umweg“, sondern eine wirksame Investition in Vertrauen, Entscheidungsfähigkeit und Zusammenarbeit. Wer sie bewusst einbezieht, schafft die Grundlage dafür, dass Teams nicht nur funktionieren – sondern miteinander arbeiten können.



Häufige Fragen zum Thema Sach- und Beziehungsebene


Bedeutet Beziehungsklärung, dass wir „alles ausdiskutieren“ müssen?

Nein. Beziehungsklärung heisst nicht, jedes Detail der Vergangenheit aufzurollen. Es geht darum, das anzusprechen, was die Zusammenarbeit heute belastet: Gefühle, unausgesprochene Erwartungen und verletzte Bedürfnisse. Oft reichen wenige, gut geführte Gespräche, um wieder Bewegung und Entlastung zu ermöglichen.

Kostet Beziehungsklärung nicht viel Zeit – die wir im Arbeitsalltag gar nicht haben?

Kurzfristig braucht sie Zeit, ja. Langfristig spart sie meist sehr viel davon. Ungeklärte Spannungen zeigen sich sonst in Reibungsverlusten, Missverständnissen, Rückzug oder passivem Widerstand. Beziehungsklärung ist daher keine Verzögerung, sondern eine Investition in wirksame Zusammenarbeit.

Was, wenn einzelne Teammitglieder keine Lust auf „Gefühlszeug“ haben?

Das ist häufig der Fall – und völlig in Ordnung. Beziehungsklärung bedeutet nicht, intime Gefühle zu teilen. Es geht um arbeitsrelevante Emotionen wie Ärger, Frustration oder Enttäuschung und um deren Auswirkungen auf die Zusammenarbeit. In einem klar strukturierten Rahmen können auch sehr sachorientierte Menschen gut damit arbeiten.

Können wir Beziehungsklärung auch ohne externe Unterstützung machen?

Manchmal ja – vor allem bei leichten Spannungen und wenn Vertrauen vorhanden ist. Sobald Konflikte emotional aufgeladen sind, Machtfragen im Raum stehen oder das Team feststeckt, ist eine neutrale externe Moderation sehr hilfreich. Sie sorgt für Struktur, Allparteilichkeit und dafür, dass nichts eskaliert oder unter den Teppich gekehrt wird.



Kommentare


Die Autorin

LinkedIn Post zu Mediation und Konfliktmanagement(50).png

Franziska Stebler

Kategorien

Schreiben ist meine Passion und macht mich glücklich. 

Meine Texte verbinden leicht zugängliche Theorie, praxisnahe Impulse und Fragen, die tief ins Innere von uns Menschen führen.

Denn dort beginnt die Transformation – hin zu einem gelasseneren, friedvolleren Leben.

bottom of page