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Affektbilanz – Warum unser Körper oft früher weiss, was für uns stimmig ist

23. Juli
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. Juli


Kennst du das?

Du denkst seit Tagen oder Wochen über eine Entscheidung nach. Du schreibst Pro-und-Contra-Listen, sprichst mit anderen Menschen, analysierst alle Möglichkeiten – und trotzdem bleibt da dieses diffuse Gefühl: Irgendetwas in mir ist noch nicht klar.

Genau an diesem Punkt arbeite ich im Coaching und in der Mediation gerne mit der Affektbilanz – einer Methode aus dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM) von Maja Storch.


Wenn der Kopf Ja sagt – und der Körper zögert

Viele Menschen glauben, eine gute Entscheidung sei vor allem eine rationale Entscheidung. Doch bei inneren Konflikten reicht der Verstand oft nicht aus.

Unser Nervensystem reagiert viel schneller, als wir denken können. Noch bevor wir einen Gedanken zu Ende formulieren, sendet der Körper bereits Signale:

  • ein Druck im Brustkorb

  • ein flaues Gefühl im Bauch

  • Weite und Energie

  • Enge und Widerstand

  • ein spontanes Aufatmen

  • oder ein inneres Zusammenziehen

Diese Reaktionen sind keine Schwäche. Sie sind Ausdruck unseres unbewussten Erfahrungswissens.

Maja Storch nennt dieses intuitive System liebevoll den „Strudelwurm“.


Der Strudelwurm kennt zwei Kräfte

Bei jeder Entscheidung wirken gleichzeitig zwei Bewegungen:

  • Hinzu – Was zieht mich an? Was fühlt sich lebendig, sinnvoll oder stimmig an?

  • Weg-von – Was macht mir Angst, erzeugt Druck oder möchte ich vermeiden?

Das Entscheidende ist: Diese beiden Kräfte sind nicht Gegensätze auf einer einzigen Skala. Sie können gleichzeitig stark sein.


Ein typisches inneres Spannungsfeld

Nehmen wir eine Situation, die viele Menschen kennen:

„Soll ich mich in meinem Job klarer positionieren?“

Hinzu:

  • Ich möchte sichtbar werden.

  • Ich wünsche mir mehr Wirkung.

  • Ich habe Ideen, die ich einbringen möchte.

Weg-von:

  • Ich habe Angst vor Ablehnung.

  • Ich möchte keine Konflikte auslösen.

  • Ich fürchte, als schwierig wahrgenommen zu werden.

Und genau hier entsteht oft der innere Konflikt: Nicht weil wir keine Antwort haben, sondern weil zwei berechtigte Bedürfnisse gleichzeitig aktiv sind.


Warum klassische Skalen oft zu kurz greifen

In Workshops frage ich manchmal:

„Wie stark können Sie sich mit dieser Entscheidung identifizieren – von 1 bis 100?“

Früher dachte ich, das sei eine gute Frage. Heute weiss ich: Sie zwingt Menschen häufig dazu, ihre Ambivalenz zu glätten.

Jemand könnte innerlich gleichzeitig fühlen:

  • +90: „Das ist eigentlich genau mein Weg.“

  • –80: „Und gleichzeitig macht es mir grosse Angst.“

Auf einer einzigen Skala wird daraus vielleicht eine 55.

Doch diese 55 erzählt nicht die Wahrheit. Sie verdeckt die Spannung zwischen Sehnsucht und Schutz.


Die Affektbilanz macht Ambivalenz sichtbar

Die Methode arbeitet deshalb mit zwei getrennten Skalen:

Positive Resonanz

Negative Resonanz

Was zieht mich an?

Was stösst mich ab?

Du bewertest beide Seiten spontan, ohne lange nachzudenken.

Gerade diese Schnelligkeit ist wichtig. Die Affektbilanz ist keine Plus-Minus-Liste. Sie soll den ersten körperlichen Eindruck sichtbar machen, bevor der Verstand alles erklärt oder relativiert.


Was innere Konflikte oft wirklich brauchen

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder:

Menschen brauchen nicht sofort eine Entscheidung. Sie brauchen zuerst Kontakt zu ihren inneren Anteilen.

Die Affektbilanz hilft dabei, Fragen wie diese zu stellen:

  • Welcher Teil in mir will den nächsten Schritt gehen?

  • Welcher Teil versucht mich zu schützen?

  • Wovor genau möchte mein Nervensystem mich bewahren?

  • Was müsste sich verändern, damit sich die Situation stimmiger anfühlt?

Plötzlich geht es nicht mehr um „richtig oder falsch“, sondern um Verständigung zwischen den inneren Stimmen.


Ein kleiner Selbstklärungs-Impuls

Nimm ein Blatt Papier und zeichne zwei vertikale Skalen von 0 bis 100.

Schreibe oben eine Frage, die dich gerade beschäftigt, zum Beispiel:

  • Soll ich das Gespräch suchen?

  • Soll ich die Zusammenarbeit fortsetzen?

  • Soll ich eine Grenze setzen?

  • Soll ich den nächsten beruflichen Schritt wagen?

Dann markiere spontan:

  • Hinzu: Wie stark zieht mich diese Option an?

  • Weg-von: Wie stark löst sie Widerstand oder Unbehagen aus?

Wichtig: Nicht analysieren. Nur wahrnehmen.


Arbeitsblatt zur Entscheidungsfindung mit der Affektbilanz
Entscheidungshilfe mit der Affektbilanz


Was die Körperintelligenz uns zeigt

Eine hohe Hinzu- und gleichzeitig hohe Weg-von-Tendenz bedeutet oft:

„Da liegt etwas Wichtiges für mich – und gleichzeitig berührt es einen empfindlichen Punkt.“

Das ist kein Zeichen von Unentschlossenheit. Es ist häufig ein Hinweis auf ein relevantes Entwicklungs- oder Beziehungsthema.

Manchmal liegt die eigentliche Lösung deshalb nicht darin, zwischen zwei Optionen zu wählen, sondern darin, die Bedingungen so zu verändern, dass das Nervensystem mehr Sicherheit erlebt.


Du musst nicht sofort entscheiden

Ein wichtiger Punkt wird oft vergessen: Du musst nicht gleich eine Entscheidung treffen. Gerade bedeutsame Entscheidungen – beruflich wie privat – sind selten ein einzelner Moment. Häufig sind sie ein Klärungsprozess. Das bedeutet:

  • Informationen sammeln,

  • Zahlen, Daten und Fakten prüfen,

  • Gespräche führen,

  • verschiedene Optionen innerlich „anprobieren“,

  • und dann die Affektbilanz erneut durchführen.


Oft zeigt sich dabei etwas Spannendes: Die anfängliche Weg-von-Energie wird kleiner. Was zuerst bedrohlich wirkte, fühlt sich nach mehr Information und innerer Auseinandersetzung weniger eng an. Das Nervensystem gewinnt Sicherheit.

Und wenn mehrere Optionen weiterhin möglich erscheinen?


Dann kann eine einfache Frage hilfreich sein: Bei welcher Option ist die Weg-von-Energie am geringsten? Im Bild des ZRM könnte man sagen: Dort wird dein Strudelwurm am wenigsten unter Druck gesetzt. Diese Option erzeugt oft die geringste innere Abwehr und lässt am ehesten Raum für Handlungskraft und Lernen. Und vielleicht der entlastende Gedanke überhaupt:

Ob eine Entscheidung „richtig“ war, wissen wir meist erst im Rückblick.

Wir treffen Entscheidungen nie mit vollständiger Sicherheit, sondern mit der bestmöglichen Klarheit, die uns im jeweiligen Moment zur Verfügung steht. Manchmal entsteht die Gewissheit nicht vor der Entscheidung, sondern durch die Erfahrung, die wir danach machen.


Mein Fazit

Die Affektbilanz erinnert mich immer wieder daran: Klarheit entsteht nicht nur im Kopf. Sie entsteht dort, wo Verstand, Gefühl und Körper miteinander in Beziehung treten. Gerade bei inneren Konflikten und komplexen Entscheidungen ist unser Körper oft nicht der Störfaktor – sondern ein erstaunlich präziser Kompass.

Oder, um es mit Maja Storch zu sagen: Der Strudelwurm weiss manchmal früher als wir selbst, in welche Richtung das Leben ziehen möchte.




Häufige Fragen zur Affektbilanz


Was mache ich, wenn sowohl die Hinzu- als auch die Weg-von-Energie sehr hoch sind?

Das ist ein häufiges und wichtiges Ergebnis. Es bedeutet meist nicht, dass du „unentschlossen“ bist, sondern dass zwei starke Kräfte gleichzeitig wirken: Ein Teil von dir möchte etwas sehr, während ein anderer Teil dich schützen will. Gerade bei beruflichen Veränderungen, klaren Grenzen oder wichtigen Beziehungsgesprächen zeigt sich diese Ambivalenz oft besonders deutlich. Dann lohnt es sich, nicht sofort zu entscheiden, sondern zuerst zu verstehen, welches Bedürfnis hinter der Angst steht.

Die Affektbilanz ersetzt keine Faktenprüfung. Sie ergänzt sie. Sie zeigt dir, wie dein Nervensystem auf eine Option reagiert. Deshalb ist es sinnvoll, zuerst Informationen zu sammeln und die Optionen realistisch zu prüfen – und sie danach nochmals mit der Affektbilanz zu bewerten. Oft verändert sich die Weg-von-Energie, sobald mehr Klarheit und Sicherheit vorhanden sind.

Eine hohe Weg-von-Energie ist nicht automatisch ein Nein. Sie kann auf Angst, Unsicherheit, frühere Erfahrungen oder einen inneren Schutzmechanismus hinweisen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Darf ich das nicht tun?“, sondern: „Was versucht dieser Teil in mir zu schützen?“ Allein diese Perspektivverschiebung bringt oft bereits mehr innere Ruhe und Selbstmitgefühl.

Absolute Klarheit ist seltener, als wir glauben. Viele Menschen warten auf ein eindeutiges inneres Ja – und bleiben dadurch lange in der Schwebe. Ein hilfreicher Ansatz ist: Wähle die Option, bei der die Weg-von-Energie am geringsten ist und bei der du innerlich am ehesten handlungsfähig bleibst. Und erinnere dich: Ob eine Entscheidung wirklich stimmig war, zeigt sich oft erst im Rückblick. Wir entscheiden nicht mit vollständiger Sicherheit, sondern mit der bestmöglichen Klarheit im gegenwärtigen Moment.



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Die Autorin

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Franziska Stebler

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Schreiben ist meine Passion und macht mich glücklich. 

Meine Texte verbinden leicht zugängliche Theorie, praxisnahe Impulse und Fragen, die tief ins Innere von uns Menschen führen.

Denn dort beginnt die Transformation – hin zu einem gelasseneren, friedvolleren Leben.

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