Welcher Film läuft gerade in dir?
- vor 11 Minuten
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Kennst du das? Du reagierst auf eine Situation und fragst dich hinterher: „Warum habe ich eigentlich so heftig reagiert?“ Oder du denkst immer wieder über dieselbe Situation nach. Du malst dir aus, was alles passieren könnte, hörst in deinem Kopf schon die nächste Auseinandersetzung oder merkst, dass du eigentlich etwas Neues möchtest und dich trotzdem immer wieder gleich verhältst.
Vielleicht läuft gerade ein Film in dir. Ein ziemlich wirkmächtiger Film. Mit alten Trailern aus deiner Vergangenheit, mit Werbeblöcken über eine düstere Zukunft und mit Geschichten darüber, wer du bist, was andere über dich denken und was passieren wird, wenn du etwas wagst.
Und vielleicht merkst du gar nicht, dass du diesen Film gerade schaust. Du glaubst einfach, das ist die Realität.
Ah. Da läuft gerade ein Film in mir.
Ein wichtiger Schritt kann sein, überhaupt erst einmal zu entdecken: Ah. Da läuft gerade ein Film in mir. Vielleicht ist da eine Situation, die objektiv gar nicht so dramatisch ist – und trotzdem löst sie in mir eine heftige Reaktion aus. Vielleicht hat jemand einen Satz gesagt und in meinem Kopf ist sofort eine ganze Geschichte entstanden. Vielleicht sehe ich schon vor meinem inneren Auge, wie etwas schiefgehen wird, obwohl noch gar nichts passiert ist.
Wenn ich das bemerke, entsteht eine interessante Frage: Bin ich wirklich dieser Film? Oder gibt es da noch etwas in mir, das beobachten kann, was gerade läuft?
Eine ruhige, stille, nicht wertende Beobachterin, die einfach wahrnimmt: Da ist gerade Angst. Da läuft wieder dieser alte Film, dass ich es allen recht machen muss. Da wird gerade ein Trailer über eine Zukunft gezeigt, die ich eigentlich gar nicht möchte.
Und plötzlich entsteht ein kleiner Abstand. Ein Raum zwischen dem, was gerade in mir passiert, und dem, was ich damit mache.
In diesem Raum wird etwas möglich: Ich muss nicht alles glauben, was auf meiner inneren Kinoleinwand läuft.
Willkommen im Filmlager
Vielleicht findest du irgendwann auch das Filmlager. Und du stellst fest: Da liegen ganz schön viele alte Filme.
Manche stammen aus deiner Kindheit. Manche wurden dir von anderen Menschen mitgegeben. Vielleicht gab es jemanden, der dir immer wieder vermittelt hat: „Das kannst du nicht“, „So bist du eben“ oder „Das macht man nicht“. Manche Filme hast du selbst irgendwann produziert – aus Erfahrungen, Verletzungen, Enttäuschungen oder Situationen, in denen du gelernt hast, dich auf eine bestimmte Weise zu schützen.
Und viele dieser Filme waren einmal sinnvoll. Sie haben dir geholfen, dich zu orientieren, dich zu schützen oder in einer bestimmten Situation zurechtzukommen. Nur: Was damals hilfreich war, muss heute nicht mehr hilfreich sein.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, dein Filmarchiv von Zeit zu Zeit auszumisten. Ganz langsam und Schritt für Schritt. Manche Filme dürfen gehen. Andere dürfen bleiben. Und manche möchtest du vielleicht einfach noch aus nostalgischen Gründen anschauen. 😊
Der entscheidende Unterschied ist: Du musst nicht jeden Film, den du besitzt, immer wieder anschauen.
Welchen Film möchtest du eigentlich sehen?
Und dann kommt vielleicht der spannendste Moment: Wenn ich nicht mehr automatisch jeden alten Film abspiele, welchen Film möchte ich eigentlich sehen?
Welche Zukunft möchte ich gestalten? Wie möchte ich mich fühlen? Wie möchte ich in Beziehungen sein? Wie möchte ich mit Konflikten umgehen? Was möchte ich loslassen und was möchte ich neu ausprobieren?
Denn wenn wir beginnen, unsere inneren Filme wahrzunehmen, entsteht auch Gestaltungsspielraum. Wir können erkennen, welche Geschichten uns immer wieder in alte Muster führen und welche uns dabei unterstützen, etwas Neues zu wagen.
Dabei geht es nicht darum, einfach einen schöneren Film über die Realität zu legen. Es geht vielmehr darum, unterscheiden zu lernen: Was passiert tatsächlich – und was erzähle ich mir darüber? Vielleicht ist genau diese Unterscheidung ein Stück Freiheit.
Mehr als der Film
Und irgendwann bemerkst du vielleicht: Du bist nicht nur die Kinoleinwand. Du bist nicht nur der Film. Du bist auch nicht nur die vielen Stimmen, die sich um das Steuerpult streiten. Du bist auch diejenige, die all das beobachten kann.
Still. Unerschrocken. Nicht wertend. Einfach da.
Für mich fühlt sich genau das nach innerer Freiheit und Leichtigkeit an. Nicht, weil keine schwierigen Filme mehr laufen. Nicht, weil die Vergangenheit plötzlich keine Rolle mehr spielt. Und auch nicht, weil wir unsere Gedanken und Gefühle einfach abschalten können.
Sondern weil wir erfahren: Ich bin mehr als das, was gerade auf meiner inneren Kinoleinwand läuft.
Ich kann wahrnehmen, was da ist. Ich kann neugierig werden. Ich kann unterscheiden zwischen dem, was gerade tatsächlich passiert, und dem Film, den mein Inneres dazu produziert. Und ich kann entscheiden, ob ich diesem Film weiter folgen möchte. Vielleicht kann ich sogar irgendwann den Film wechseln.
Nicht, weil ich mir die Welt schönreden möchte. Sondern weil ich erkenne, dass zwischen dem, was geschieht, und meiner Reaktion darauf ein Raum liegt, in dem ich Wahlmöglichkeiten habe.

Die innere Kinoleinwand, Bild von ChatGPT
Und vielleicht ist genau das eine der spannendsten Reisen, die wir in unserem Leben machen können: Zu entdecken, wer wir sind, wenn wir nicht mehr jeden Film für die Wahrheit halten.
Herzlich
Franziska
Häufige Fragen zur Affektbilanz
Woher kommen diese „Filme“ in unserem Kopf?
Unsere inneren Filme entstehen aus Erfahrungen, Erinnerungen, Überzeugungen und Schlussfolgerungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Manche davon stammen aus der Kindheit, andere aus späteren Beziehungen, Konflikten oder Situationen, in denen wir uns verletzt, bedroht oder überfordert gefühlt haben.
Unser Gehirn versucht dabei ständig, Muster zu erkennen und zukünftige Situationen vorherzusagen. Das kann hilfreich sein: Wir müssen nicht jede Erfahrung völlig neu verarbeiten. Gleichzeitig kann es dazu führen, dass wir eine aktuelle Situation durch die Brille vergangener Erfahrungen betrachten.
Dann reagiert beispielsweise nicht nur die erwachsene Person, die gerade in einem Gespräch sitzt. Es reagiert vielleicht auch ein Teil in uns, der eine ähnliche Situation schon einmal erlebt hat und gelernt hat: „Achtung, das könnte gefährlich werden.“
Der Film ist deshalb nicht einfach „falsch“. Er hat meist eine Geschichte und oft sogar eine gute Absicht. Die spannende Frage ist vielmehr: Passt dieser Film noch zu meiner heutigen Realität?
Wie kann ich erkennen, dass gerade ein alter Film läuft?
Oft bemerken wir es zuerst an der Stärke unserer Reaktion. Eine Situation erscheint im Nachhinein vielleicht gar nicht so dramatisch, und trotzdem waren wir plötzlich wütend, ängstlich, verletzt oder haben uns zurückgezogen.
Auch wiederkehrende Gedanken können Hinweise sein: „Immer passiert mir das“, „Die anderen nehmen mich sowieso nicht ernst“, „Ich muss es allen recht machen“ oder „Das wird bestimmt schiefgehen.“
Ein weiterer Hinweis ist, wenn wir gedanklich sehr schnell von dem, was tatsächlich passiert ist, zu einer ganzen Geschichte springen. Jemand antwortet beispielsweise nicht auf eine Nachricht und schon entsteht ein innerer Film darüber, dass die Person enttäuscht ist, etwas gegen mich hat oder mich nicht mehr mag.
Dann kann es helfen, innerlich einen Schritt zurückzutreten und zu fragen:
Was weiss ich gerade wirklich – und was erzähle ich mir darüber?
Allein diese Frage kann einen kleinen Abstand schaffen. Und manchmal reicht dieser Abstand bereits, damit wir nicht automatisch nach Drehbuch handeln.
Kann ich meine inneren Filme einfach loswerden?
Wahrscheinlich nicht und vielleicht müssen wir das auch gar nicht.
Unsere Erfahrungen gehören zu uns. Manche alten Filme werden vermutlich immer wieder einmal auftauchen. Entscheidend ist nicht, dass sie nie mehr laufen. Entscheidend ist, dass wir erkennen, dass sie laufen.
Wenn wir einen Film bemerken, können wir neugierig werden: Woher kenne ich diese Geschichte? Wann habe ich angefangen, sie zu glauben? Wovor möchte sie mich vielleicht schützen? Und brauche ich sie heute noch?
Manche Filme verlieren dadurch ihre Macht. Andere bleiben Teil unseres Filmarchivs, aber wir schauen sie nicht mehr automatisch bei jeder passenden Gelegenheit an.
Das ist für mich ein wichtiger Unterschied: Es geht nicht darum, keine alten Muster mehr zu haben. Es geht darum, ihnen nicht mehr blind ausgeliefert zu sein.
Wie kann ich mehr Freiheit zwischen Reiz und Reaktion gewinnen?
Der erste Schritt ist oft erstaunlich unspektakulär: wahrnehmen.
Nicht sofort reagieren. Nicht den Gedanken bekämpfen. Nicht versuchen, sich schnell etwas Positives einzureden. Sondern zunächst einmal bemerken, was gerade passiert.
„Da ist Ärger.“
„Da ist Angst.“
„Da ist dieser Gedanke, dass ich wieder alles falsch gemacht habe.“
„Da läuft gerade mein alter Film.“
Durch dieses bewusste Beobachten entsteht ein kleiner innerer Abstand. Und in diesem Abstand können Fragen auftauchen: Was ist jetzt tatsächlich passiert? Was brauche ich? Was möchte ich tun? Ist meine automatische Reaktion heute noch hilfreich?
Vielleicht liegt genau darin ein Stück innerer Freiheit: Nicht alles kontrollieren zu müssen, was in uns auftaucht – aber zunehmend wählen zu können, wie wir damit umgehen. Denn wir sind nicht dafür verantwortlich, welchen Film unser inneres Kino gerade aus dem Archiv holt.
Aber wir können lernen, nicht jeden Film für die Wahrheit zu halten und nicht jede Szene automatisch mitzuspielen.
Aus dem Shop:
Bist du interessiert, dich selbst besser kennenzulernen und die innere Kinoleinwand bewusster wahr- und anzunehmen? Hier ein paar Möglichkeiten:
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