top of page
  • AutorenbildFranziska Stebler

Akzeptieren was ist

Aktualisiert: 11. Jan.

«Sie geben die Aussenwelt nicht auf – Sie akzeptieren sie vollkommen. Was Sie aufgeben, ist ihr persönliches, von Ihnen selbst gefälltes Urteil über sie. Stellen Sie sich vor, jemand fragt sie, ob es für sie in Ordnung ist, dass der Saturn Ringe hat. Sie würden höchstwahrscheinlich denken «Was hat denn das mit mir zu tun? Das ist ja eine verrückte Frage!». In Wahrheit tritt es aber auf alles zu, auf jede einzelne Sache, die ihnen im Leben begegnet. Es hat nichts mit Ihnen zu tun. Es hat mit den Kräften zu tun, die es so werden liessen, wie es ist, und diese Kräfte reichen Jahrmilliarden zurück. Die totale Akzeptanz dieser Wahrheit ist Hingabe. Sie müssen den Teil von Ihnen hinter sich lassen, der meint, er habe das Recht, das Ergebnis einer Milliarde Jahre währendem Interaktion zu mögen oder abzulehnen. Hingabe bedeutet, den Teil von Ihnen hinter sich zu lassen, der nicht die Wahrheit lebt. Das ist wahre Hingabe.» (Singer, Lebe unbeschwert, 2022)


Viele von uns leben im Widerstand mit der Wirklichkeit. Wie oft habe ich mir Vorstellungen davon gemacht, wie ein Ereignis oder eine Situation ablaufen sollte, damit sie meinen Forderungen, meine Bedürfnisse und Wünschen entspricht. Und ganz oft, oh Wunder, hatte die Realität sehr wenig mit dem zu tun, was ich gefordert habe. Diese Diskrepanz zwischen Soll und Ist hat in mir zu massiven Spannungen geführt. Endlos-Denkschleifen, Sorgen, Schuld und Scham waren das innere Ergebnis.


Ich war äusserlich da, aber sicher die Hälfte meiner Aufmerksamkeit und Kraft wurden durch diese inneren schwierigen Prozesse abgezogen.


Spannend ist, dass ich diese Widerstände nicht nur direkt im entsprechenden Moment gespürt habe, nein, sie haben sich in meinem Innern eingenistet. Wie Vögel haben sie Nester in mir gebaut, dort Nachwuchs grossgezogen. Nicht einmal das war dann genug, dieser Nachwuchs hat ebenfalls wieder Nachwuchs gehabt, der mich auch immer wieder an diese Widerstände erinnert hat. Und immer wenn einer dieser Vögel in mir drin ausgeflogen ist, sind mir die Gedanken und Gefühle zu diesen Widerständen durch den Körper und Geist gejagt. Haben mich die schwierige Situation nochmals erleben lassen. Oder im Aussen hat sich ein ähnliches Ereignis ergeben, dass meine inneren Vögel auf den Plan gerufen hat. Und schon sind alle wieder eine Runde herumgeflogen. Sehr anstrengend. Du siehst, ein herausfordernder Kreislauf war da im Gang.


Meine unbewusste Reaktion darauf war, diese Vogelnester möglichst zu ignorieren, zu unterdrücken (bei mir mit Alkohol), oder die Situationen, mit Vogelzug-Potenzial, im Aussen zu vermeiden. Es war einfach zu anstrengend, diese Vogelzüge in mir drin.


Ich war überfordert, verängstigt und unfähig, diese Vogelnester zu benennen und zu beseitigen. Ja, mir war gar nicht bewusst, was mir da genau passiert. Und davon sprechen konnte ich schon gar nicht. Wäre viel zu anstrengend gewesen. Hätte viel zu viele Schmerzen und Leid in mir ausgelöst.


Stelle dir vor, diese Verwaltung all dieser Vogelnester in mir drin. «Was darf noch sein?», «Was ist nicht mehr möglich?», «Welche Situationen muss ich unbedingt vermeiden, weil sie einfach zu schmerzhaft sind?». Diese Bibliothek von Leiden, Schmerzen, Unmöglichkeiten, Vorlieben und Abneigungen zu verwalten, hat mich sehr viel Kraft gekostet. (Ganz zu schweigen von den Schuldgefühlen, die ich mir wegen des Alkoholkonsums gemacht habe.) Es ist wirklich erstaunlich, was für ein Chaos wir anrichten, weil wir mit den Momenten, die an uns vorbeiziehen, nicht umgehen können.


In den letzten Jahren hat sich mir dieses Innenleben dank innerer Arbeit immer mehr erschlossen. Es wurde möglich, eine Landkarte des Innenlebens zu verstehen, dann persönlich zu erleben und schlussendlich bewusst zu gestalten. Heute bin ich am Entsorgen der Vogelnester. Wobei ich das Nest und die Wesen darin nicht einfach ausreisse und töte. Nein, ich widme mich jedem Nest, schaue es mir an, lasse die Vögel auffliegen und schaue ihnen zu, wie sie in meinem Inneren wirken. Dann öffne ich ihnen das Tor zur Aussenwelt und lasse sie friedlich davonfliegen.


Manchmal vergehen Monate, bis ich wieder ein Nest entdecke. Oftmals gibt es die Möglichkeit, mehrere Nester in einer Woche zu releasen. Und dann herrscht Ruhe, bis ich in der neuen Ordnung wieder eines entdecke. Ich habe sicher noch einige Nester vor mir, der Effekt ist aber bereits heute bemerkenswert.


Das Leben zeigt sich mir in einer neuen Leichtigkeit. Ich fühle mich sehr oft in Frieden in mir, ganz in der Ruhe. Welche Wohltat nach 48 Jahren voller Vogelzüge in mir drinnen.


Und ich achte darauf, nicht neue Vogelnester in mir drin zu kultivieren. Ich lebe immer mehr mit der Aussenwelt in Frieden. Und dafür bin ich sehr dankbar.


Folgen für mehr Inspiration



41 Ansichten0 Kommentare

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen

Commenti


bottom of page