Widerstand ist ein Beziehungsangebot
- Franziska Stebler

- 18. März 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Dez. 2025
Dieser Satz ist mir beim Lesen des Buches Mitschwingen und Dazwischengehen von Mechtild Erpenbeck direkt ins Auge gestochen. Dieser Satz hat mich sofort sehr fasziniert, ja mich zum Nachdenken angeregt.
Tatsächlich, als Moderatorin oder Prozessbegleiterin in einer Team-Mediation (oder ähnlichem) treffe ich oft auf Menschen, von denen ich Widerstand wahrnehme. Der zeigt sich in ihrer Körperhaltung, beispielsweise mit verschränkten Armen und verschränkten Beinen dazusitzen. Oder wenn ich die Gruppe zu einer Übung auffordere und eine Person äusserst widerwillig daran teilnimmt. (<-- bitte darauf achten, wie ich das Verhalten der Person beschreibe. Das impliziert ja schon eine eher schwierige Bewertung 😉. Die Auflösung folgt aber gleich).
Die spannende Frage ist, welche Wirkung hat diesen Widerstand auf mich? Gelingt es mir, den Widerstand nicht persönlich zu nehmen, sondern bei mir in der Ruhe zu bleiben und den Widerstand als das zu lesen, was er ist - ein Beziehungsangebot. Im Fachjargon nennt sich dieser innere Vorgang "Reframing". Mit dieser offenen, neugierigen Haltung kann ich in Kontakt / Beziehung mit der Person treten und sie fragen: "Ich nehme wahr, du bist noch nicht aufgestanden und hast dich noch nicht einer Gruppe angeschlossen. Fühlst du dich unsicher, weil dir noch nicht klar ist, was genau die Aufgabe ist?" Und ich bin mir sicher, die Person fühlt sich gesehen und verstanden und wird dank des Reframings und der gewaltfreien Ansprache mit mir in einen konstruktiven Dialog treten.
Dies alles und vieles Spannende mehr findet ihr im obigen Buch. Unbedingt lesenswert.
Wie Aussen so innen
Das, was mich aber so richtig fasziniert hat, an der Aussage "Widerstand ist ein Beziehungsangebot", ist sein Wirkungsfeld. Den, was im Aussen zählt, stimmt auch im innen. Wie oft habe ich in mir drinnen, also in meinem Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Sein Widerstand wahrgenommen, aber nicht gewusst, wie ich damit umgehen soll!
Und die Idee, den inneren Widerstand als eine Aufforderung zur Beziehungsaufnahme zu lesen, wäre mir bis vor einigen Jahren nicht im Traum in den Sinn gekommen. Heute weiss ich, dass die Botschaft im inneren Widerstand exakt dies ist. Widerstand sagt mir immer: "Nimm mich wahr!", "Spüre in mich hinein", "Komm zu mir nach innen und sitze neben mir hin und verweile ein wenig neben mir.", "Lass mich dir eine Geschichte, ein Bild, ein Gefühl erzählen", "Ich brauche deine Aufmerksamkeit", "Ich brauche mehr Ruhe", "Ich brauche ...." .
Sobald ich die Beziehung zum Widerstand im Inneren bewusst aufnehme, mir dabei Zeit und Ruhe gönne, löst sich in meiner Erfahrung der Widerstand sehr oft auf. Weil die Energie im Widerstand befreit wird, die Botschaft ist beim Empfänger (mir) angekommen.
Sehr oft hilft mir die Botschaft, mich und meine Bedürfnisse besser zu verstehen und stimmiger in meinem Leben zu integrieren.
Guter Kontakt mit der eigenen Innenwelt
Mit sich selbst in gutem Kontakt zu sein, ist eine Voraussetzung, damit wir diese Widerstände in uns wahrnehmen, annehmen und transformieren können. Dieser Kontakt gelingt in stillen und ruhigen Momenten, in denen wir absichtslos in unsere Innenwelt reisen. Dies wird sich zu Beginn komisch und fremd anfühlen, doch über die Zeit werden sich in uns drinnen eigene Erkenntniswelten eröffnen.
Diese innere Entwicklung ist eine Entwicklungsreise, die sich über mehrere Jahre hinzieht und niemals endet. Denn es gibt so vieles in uns drinnen, was erforscht werden will.
Praktiken für diese innere Entdeckungsreise
Meditieren, Schreiben, achtsames Spazieren, all diese Praktiken unterstützen, wieder einen guten Zugang zur Innenwelt zu kultivieren. Auch macht hier Übung den Meister, die Meisterin. Nicht jede Praktik ist für jeden Menschen wirkungsvoll. Mach dich selbst auf die Suche, finde, was dir deine Zugänge öffnet.
In meinen Bücher Konflikt, ledig, sucht ... Nein, danke! und Lebe in Leichtigkeit und Freiheit - Vertraue dem Prozess sind viele Praktiken für diese Zugang enthalten.
Fazit
Widerstände als Botschaften zu lesen in der Prozessbegleitung erfordert, sie bei sich selbst als Botschaften wahr- und anzunehmen. Erst durch die eigene innere Arbeit und die daraus resultierenden Erkenntnisse wird es gelingen, dies kraftvoll in den Prozessbegleitungen zu kultivieren.
Häufige Fragen zum Thema Widerstand ist ein Beziehungsangebot
Ist jeder Widerstand ein Beziehungsangebot?
Ja, in meiner Erfahrung ist es das. Es ist ein Gefühl, eine Energie und bei anderen Menschen ein Verhalten, was verstanden werden will. Dies bedeutet nicht, dass wir in Prozessbegleitungen auf jeden Widerstand eingehen müssen. Das wäre zu viel und zu gross. Wähle weise, welche Widerstände du erforschen willst.
Wie kann ich Widerstand bei anderen Menschen konstruktiv lesen?
Wichtig ist, den Widerstand nicht persönlich zu nehmen, sondern als Signal zu betrachten. Statt direkt zu reagieren, kann man neugierig nachfragen, z. B.: „Ich nehme wahr, dass du dich zurückhältst. Fühlst du dich unsicher, weil die Aufgabe noch nicht klar ist?“ So wird Widerstand zu einer Einladung zum Dialog, und die Person fühlt sich gesehen.
Wie gehe ich mit meinem eigenen inneren Widerstand um?
Widerstand im Inneren ist eine Aufforderung zur Selbstbeobachtung und Selbstfürsorge. Nimm ihn wahr, setze dich bewusst damit auseinander, höre auf seine Botschaft: „Was brauche ich gerade? Welche Energie steckt hier?“ Meditation, Schreiben oder achtsames Spazieren helfen, Zugang zu diesem inneren Widerstand zu finden und ihn zu transformieren.
Was, wenn ich den Widerstand spüre, aber keine Zeit oder Gelegenheit habe, mich damit auseinanderzusetzen?
Dann reicht es oft schon, ihn zu registrieren und wahrzunehmen, ohne sofort zu handeln. Allein die bewusste Wahrnehmung löst einen Teil der Energie und verhindert, dass er unkontrolliert eskaliert. Später kannst du in einem ruhigen Moment tiefer reflektieren oder in der Prozessbegleitung gezielt darauf eingehen.




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