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Wie Konflikte eskalieren

  • 12. März 2024
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Dez. 2025

Konflikte zu verstehen und unserem persönlichen Umgang mit ihnen, das macht den Unterschied in zwischenmenschlichen Herausforderungen. Spannungen und Konflikte sind in unserem Leben alltäglich. Mit ganz vielen davon können wir auf eine konstruktive Art und Weise umgehen. Wir sprechen Differenzen an, wir nehmen kleinere Eskalationen wahr und verhalten uns so, dass es der Deeskalation und Lösung dient. Beispielsweise finden wir im Dialog Lösungen, die für alle Konfliktparteien passen, wir geben nach, wir ziehen uns zurück, wir vergeben und lassen los.


Doch spätestens, wenn es uns nicht mehr gelingt, konstruktiv den einen oder anderen Konflikte zu lösen, sind Wissen um die Konfliktdynamiken und -eskalationen sowie Methoden zur Deeskalation der Konflikte ein wichtiges Handwerkszeug. Sonst eskaliert der Konflikt unbeabsichtigt immer mehr.


Ein Konflikt ist wie ein Hefeteig - wenn wir uns nicht darum kümmern, geht er immer mehr auf.


Inhaltsverzeichnis




Eskalationsverstärker - so heizen wir die Konflikte an

Die wichtigsten Treiber der Konflikt-Eskalationsprozess sind:


  1. Innere Widerstände, Emotionen und Handlungen im Affekt Immer mehr lassen sich die Konfliktparteien in den konfliktbehafteten Situationen von ihren inneren Widerständen, Affekten und Emotionen leiten. Das Reiz-Reaktions-Muster wird immer schwieriger zu brechen. Die bewusste Selbststeuerung, das rationale Denken, nimmt ab. Die Konfliktparteien spiegeln einander die schwierigen Themen und unterstellen sie gleichzeitig einander. Die Konfliktparteien spüren eine wachsende Selbstfrustration.

  2. Streitpunktlawine Die Streitpunkte-Liste wird während der Eskalation immer länger. Teilweise stecken sie sich gegenseitig an. Dies kann bewusst oder unbewusst geschehen.

  3. Wechselseitige Verflechtung von Ursache, Absicht und Wirkung Die Ursachen des Konfliktes verschwinden immer mehr im Nebel der Dynamik. Zusätzlich werden die Absichten hinter den Handlungen der Konfliktparteien sowie deren effektiven Wirkungen bei der Konfliktpartei immer unterschiedlicher erlebt. Eine Schere der Empörungen, der Verletzungen und der Scham öffnet sich. Und weil die Parteien im Konflikt sind, ist sie nicht besprechbar.

  4. Arena weitet sich aus Die soziale Arena, also dort, wo der Konflikt ausgetragen wird, weitet sich immer mehr aus. Zuerst ist es vielleicht ein persönlicher Konflikt zwischen zwei Teammitgliedern, in den das Team über die Zeit miteinbezogen wird. Und wer in den Konflikt eintritt, bringt eigene Interessen (und Streitpunkte) mit ein.

  5. Pessimistische Antizipation Die Konfliktparteien machen sich immer mehr auf der schlimmste gefasst. Sie rüsten sich dafür auf, um nicht unterlegen zu sein, sofern es den eintrifft. So befeuert sich der Konflikt auf eine unheimliche Art selbst.

  6. Simplifizierung Eine kognitive Komplexitätsreduktion spielt sich ab. Das erlebte wird auf wenige, sehr schmerzhafte Momente oder Themen reduziert. "Es geht doch nur noch um eines .... !".

  7. Tendenz zur Personifizierung des Konfliktes Was oft auf der Sachebene startet, dehnt sich auf die Beziehungsebene aus. Schwierige Gefühle und Emotionen schwingen bei allem mit (siehe Punkt 1). Je mehr diese Beziehungsebene aufgeladen ist, desto mehr Personifizierung findet statt. Es steht somit nicht mehr das Sachthema im Fokus, sondern es geht jetzt um die Person. "Du bist schlecht". Der Fokus zeigt immer mehr auf einige wenige "Drahtzieher". Eine Verlagerung der Tat auf die Täterin / der Täter findet statt.

  8. Wie du mir - so ich dir! Zwischen den Konfliktparteien wird Auge um Auge und Zahn um Zahn gestritten. Doch je länger der Konflikt dauert, desto weniger übernehmen die Konfliktparteien die Verantwortung für ihre Taten und Worte. Es entsteht eine "dämonisierte Zone" (für diese Worte / Handlungen wollen beide Parteien keine Verantwortung übernehmen). Bei jedem Schlag muss die Dosis steigen, da sonst die geforderte Wirkung ausbleibt.

  9. Das Befürchtete wird Realität Durch Überreaktion des Aufrüstens wird ungewollt gegenseitig noch mehr (verbale & physische) Gewalt provoziert.


Die Eskalationsverstärker haben mit dem persönlichen Verhalten und Wahrnehmen der Konfliktparteien zu tun. Um sie zu erkennen und zu verhindern oder abzuschwächen, wird häufig Selbstreflexion als Instrument eingesetzt. Dies meistens in Form eines Coachings oder einer Mediation.


Die neun Eskalationsstufen


Ob ein Konflikt eskaliert, oder nicht, hängt von einigen Faktoren ab: von der Komplexität des Konfliktes, den Konfliktursachen wie unklare Rollenverteilung oder unerfüllten Bedürfnissen, der sozialen Kompetenz der Beteiligten, von der Beziehung der Beteiligten sowie von der Dauer des Konfliktes. Die Konflikte eskalieren immer in Stufen, die aufgrund ihrer Eigenschaften bestimmt werden können.


Der Konfliktforscher Friedrich Glasl hat ein Modell der Konflikteskalationsstufen entwickelt. Er unterscheidet neun Stufen der Konflikteskalation. Jeder Konflikt eskaliert in die Tiefe. Wobei diese Eskalation nicht ein allmähliches, unbemerktes Abgleiten ist, sondern die Schwellen bewusst erlebbar sind. Wir wissen und spüren im Konflikt intuitiv, mit welchen Worten oder Taten wir jeweils die nächste Stufe gezündet haben. Dies lässt sich, zum Beispiel in einer Mediation, mit den Konfliktparteien aufarbeiten.


Die neun Stufen der Konflikteskalation können wiederum in drei übergeordnete Phasen zusammengefasst werden.




Konfliktstufe

Beschreibung

  1. Verhärtung

Standpunkte verhärten zuweilen und prallen aufeinander. Zeitweilige Ausrutscher passieren. Das Bewusstsein der bestehenden Spannungen bewirkt ein Krampf. Es herrscht die Überzeugung vor, dass die Spannung durch Gespräch lösbar sei. Die Selbstheilungskräfte sind noch aktiv. Kooperation ist (noch) grösser als Konkurrenz.

2. Debatte und Polemik

Es findet ein Dualisieren im Denken, Fühlen, Wollen statt. Schwarz-Weiss-Denken nimmt zu. Verbale Gewalt mit Taktiken: So tun, als ob rational argumentiert wird. Man will der Gegenpartei imponieren, sie aber nicht beherrschen. Kooperation und Konkurrenz wechseln sich ab.

3. Taten statt Worte

Reden hilft jetzt nichts mehr, also müssen Taten folgen. Die Diskrepanz zwischen verbalem und nonverbalem Verhalten nimmt zu. Die Gefahr der Fehldeutung ist Realität. Eine pessimistische Erwartung aus Misstrauen bewirkt eine Beschleunigung der Aktionen. Einfühlungsvermögen geht verloren. Die Konkurrenz ist jetzt grösser als die Kooperation.

4. Sorge um Image & Koalition

Die Bilder über die andere Partei festigen sich. Sie manifestieren negative Rollen und bekämpfen diese. Die Kompetenz des Gegners wird abgewertet. Es wird eine Imagekampagne betrieben, Gerüchte werden gestreut. Verabsolutierungen in den Worten "immer" und "nie" manifestieren sich.

5. Gesichtsangriff und -verlust

Ab hier wird es persönlich. Ein Angriff auf die persönliche Integrität findet statt. "Kriminell! Krankhaft! Scheusal! Verrat! Betrug!". Die gegenseitige Verteufelung nimmt massiv zu. Verlust der Aussenwahrnehmung bewirkt die Isolation in der "Ego-Höhle". Streitpunkte werden zu Fragen der Ideologien, der heiligsten Werte und Prinzipien.

6. Gewaltandrohung, Erpressung

"Wie du mir - so ich dir!" Spirale von Drohung und Gegendrohung lebt. Ein grosser Stress durch Ultimatum und Gegenultimatum, die Ereignisse überstürzen sich. Man erlebt sich in der Ohnmacht und der Mächtigkeit gleichzeitig.

7. Begrenzte Vernichtungsschläge

Ab dieser Stufe ist das Gegenüber kein Mensch mehr. Die Durchführung begrenzter Zerstörung wird als "passende Antwort" möglich. Ein Abrutschen in die Illegalität findet statt.

8. Zersplitterung und Zerstörung

Der Zusammenbruch des feindlichen Systems soll bewirkt werden. Vitale Systemfaktoren oder Organe zerstören, wodurch das System unkontrollierbar und unsteuerbar wird. Die gänzliche Zerstörung wirtschaftlich, seelisch-sozial und geistig ist das Ziel.

9. Gemeinsam in den Abgrund

Jetzt wird alles vernichtet. Der Feind soll vernichtet werden, auch zum Preis der Selbstvernichtung. Es gibt kein Weg mehr zurück.


Die 3 Phasen der Eskalation


Diese neun Eskalationsstufen sind aufgeteilt in 3 Phasen, die beschreiben, wie hoch die Selbstheilungskräfte sind und die Möglichkeit, dass potenziell alle Konfliktparteien bei den Lösungen berücksichtigt werden können:

Phasen

Eskalationsstufen

Beschreibung

Win - Win

1 - 3

In dieser Phase geht es noch um das Wohlergehen aller Beteiligten. Die Überzeugung herrscht vor, dass beide Gegner als Sieger aus dem Konflikt hervorgehen können. Ab Stufe 3 sind die Selbstheilungskräfte des sozialen Systems angeschlagen und herausgefordert. Die fehlende Distanz zum Konflikt macht es den Konfliktparteien schwierig, den Konflikt alleine zu lösen. Ab hier braucht es eine externe Begleitung.

Win - Lose

4 - 6

Die Überzeugung ändert sich. Die Idee, dass nur noch einer gewinnen kann, tritt in den Vordergrund. Alle Bemühungen konzentrieren sich auf den Sieg. Ab Stufe 5 sind die Selbstheilungskräfte des sozialen Systems nicht mehr intakt.

Lose - Lose

7- 9

In dieser Phase ist bekannt, dass keiner gewinnen kann. Es geht jetzt nur noch darum zu schauen, dass dem Gegenüber der grössere Schaden als einem selber zugefügt wird.

Die 9 Eskalationsstufen in den 3 Phasen in Kürze dargestellt




Fazit


Konflikte sind keine Naturgewalten, sondern von Umständen, Kontexten und darin agierenden Menschen konzipiert. Verstehen wir das Wesen des Konfliktes und können unser Verhalten darin wahrnehmen, kann dies der Schlüssel zu einer Konfliktlösung sein.


Das Wissen rund um die Konflikteskalation hilft, in spannungsgeladenen Situationen einen Schritt zurück zu machen, tief durchzuatmen und mit der Konfliktbrille mal genau hinzuschauen. Was nehme ich wahr? Was ist jetzt hilfreich für die Situation? Wie kann ich mich verhalten, damit ich den Konflikt nicht mehr verschärfe?

Und dann mit der nötigen Portion Mut und Vertrauen die Dinge anzusprechen.



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Häufige Fragen zum Thema Wie Konflikte eskalieren


Beginnt jeder Konflikt klein?

Ja, es gibt in jedem Konflikt die vorausgehende Spannung, die nicht mehr entspannt werden kann. Gelingt es und, bereits dort für Klärung zu sorgen, braucht der Konflikt nicht noch weiter anzuwachsen.

Kann ich es lernen, Konflikte zu erkennen, solange sie noch klein sind?

Die ersten Anzeichen eines Konflikts sind oft subtil und können leicht übersehen werden. Achte bewusst auf diese Warnsignale:

  1. Unbehagen oder Spannungen


    Du fühlst eine innere Anspannung, wenn du mit einer bestimmten Person sprichst oder dich in einer bestimmten Situation befindest. Oft ist dieses Gefühl vage und schwer greifbar. Es zeigt sich auch körperlich – durch verspannte Schultern, einen engen Hals, ein Ziehen im Magen oder Herzklopfen. Ich empfinde es, als gäre in mir ein Dampfkochtopf – der innere Druck steigt spürbar. Oft dauert es über die Situation hinaus, bis der Druck wieder weicht.

  2. Missverständnisse


    Es kommt immer häufiger zu Kommunikationsproblemen, bei denen du und die andere Person euch nicht richtig verstehen. Oft bleibt nach dem Gespräch Unklarheit oder ein Nebel zurück.

  3. Veränderte Körpersprache


    Achte auf die Körpersprache – sowohl deine eigene als auch die deines Gegenübers. Weniger Augenkontakt, verschränkte Arme, ein roter Hals oder Kopf oder generell ein gereizter Eindruck können Anzeichen für aufkommende Spannungen sein.

  4. Rückzug oder Vermeidung


    Du stellst fest, dass du Interaktionen mit einer bestimmten Person vermeidest oder dich emotional zurückziehst, weil du die Situation als unangenehm empfindest. Es fühlt sich so an, als ob du Scheuklappen aufsetzt, sobald du mit dieser Person in Kontakt trittst.

  5. Passiv-aggressives Verhalten


    Anstatt direkt anzusprechen, was euch stört, fallen vielleicht sarkastische Bemerkungen oder subtile Sticheleien. Auch Augenverdrehen, Seufzen oder verdecktes Sticheln können Anzeichen dafür sein, dass du oder die andere Person den Konflikt nicht offen ansprechen wollen.

  6. Es wird mehr übereinander als miteinander gesprochen


    Gespräche und persönliche Befindlichkeiten werden eher mit Dritten geteilt als mit den direkt betroffenen Personen. Das mag kurzfristig emotional entlasten, schürt jedoch langfristig Spannungen und Missverständnisse.

  7. Wiederkehrende Unzufriedenheit


    Du merkst, dass du immer wieder unzufrieden bist – sei es mit den Ergebnissen, der Zusammenarbeit oder dem Verhalten der anderen Person. Deine Erwartungen werden nicht erfüllt, und das stört dich zunehmend.

  8. Veränderte Dynamiken im Team, in der Gruppe, in der Familie


    Vielleicht spürst du, dass das Klima im Team schlechter wird, die Motivation schwindet oder die Zusammenarbeit ins Stocken gerät. Es ist, als ob eure gemeinsame Wirkkraft schwindet. Leistungseinbrüche sind messbar – ein deutliches Zeichen, dass Konflikte im Hintergrund schwelen.

Du siehst: Der Konflikt ist nicht erst da, wenn wir uns anschreien und soziale Kriegszustände herrschen. Nein, er beginnt viel früher – oft Wochen, Monate oder Jahre im Voraus – und entwickelt sich allmählich wie ein Schneeball, der langsam, aber sicher zur Lawine wird.


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Die Autorin

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Franziska Stebler

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Schreiben ist meine Passion und macht mich glücklich. 

Meine Texte verbinden leicht zugängliche Theorie, praxisnahe Impulse und Fragen, die tief ins Innere von uns Menschen führen.

Denn dort beginnt die Transformation – hin zu einem gelasseneren, friedvolleren Leben.

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