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  • AutorenbildFranziska Stebler

«Ich bin die Expertin» loslassen

Aktualisiert: 14. Jan.


Schon lange klebt auf meinem Pult das Post-it mit dem Titel «Loslassen». Immer mal wieder flitzen durch meinen Geist Ideen, worüber ich aus meinem Erleben heraus, berichten könnte. Damit sie nicht verloren gehen, im Lebens-Gewusel, schreibe ich sie jeweils auf. Heute Morgen spürte ich, jetzt ist das Thema «loslassen» dran.


Doch welche Dinge, Themen und Erwartungen habe ich in den letzten Jahren losgelassen, wenn überhaupt? Und was habe ich daraus gelernt?


1 - Expertin oder ich weiss, wie alles geht, damit es perfekt wird. Und weil ich das weiss und erfahren habe, ist dies der einzig gültige Weg für alle.


Wenn ich meine berufliche Entwicklung betrachte, habe ich in einem Thema eine, aus meiner Sicht, relativ hohe Expertise erreicht. Es ist hier vollkommen irrelevant, um welches Thema es sich handelt. Ich habe mich mit diesem Thema jahrelang tagtäglich mit anderen Experten sowie mit Teams ausgetauscht, Ausbildungen besucht und zusätzlich sehr viel Praxiserfahrung in der Anwendung dieser Expertise gemacht. In meinen Augen war das die perfekte Grundlage, um eine ausgezeichnete Meisterlichkeit in dieser Expertise zu erlangen. Die hatte ich höchstwahrscheinlich auch, zu diesem Zeitpunkt. Aus heutiger Perspektive weiss ich, ich habe mich maximal mit den Konzepten und meinem Erleben dazu identifiziert. Was mir zu dieser Zeit aber vollkommen entgangen ist, dass es unendliche viele Möglichkeiten und Perspektiven zu dieser Expertise gibt. Und mein Erleben und meine Theorien zu dieser Expertise in der Wirklichkeit eine unter vielen sind.


Diese Einstellung der Expertin hat mein Verhalten gesteuert. Wo ich hingekommen bin, habe ich den Duft verstreut: «Ich kenne die Wahrheit. Und nur ich kann dir sagen, wie dein Problem gelöst werden kann». Ich habe mich über die andern erhoben, dachte, ich sei etwas Besseres als die anderen. Ich bin ihnen nicht auf Augenhöhe begegnet. Ich habe nicht erkannt, dass ich durch meine Überheblichkeit gar nicht wirklich in Kontakt mit den anderen und ihren Erfahrungen gekommen bin. Ich konnte sie nicht dort abholen, wo sie sich in der Realität befunden haben. Als Coach ist dies ein eher schmerzliches Urteil.


Eine Person hat mir mal gesagt: «Du bist zu uns gekommen und hast so viel Widerstand ausgesendet. Du warst mit allem, was wir dir geschildert haben, im Widerstand.» Was für ein wertvolles Feedback! (Wobei es sich mir erst über die Zeit erschlossen hat.)


Ich will nicht sagen, dass eine Meisterlichkeit zu einem Thema nicht wertvoll ist. Es ist nur die Frage, welche Haltung wir in unserer Meisterlichkeit haben. Ich weiss heute, wahre Meisterlichkeit schliesst alles mit ein. Auch das Nicht-Wissen und die Nicht-Erfahrung, die Dankbarkeit für die eigenen Erfahrungen und die Demut davor, jedem seine Erfahrungen und Wirklichkeiten zu lassen.


Das Loslassen der Expertise in meinem Inneren besteht nicht darin, die Expertise zu verneinen. Ich HABE die Expertise, aber ich BIN sie nicht mehr. Ich identifiziere mich nicht mehr maximal damit. Dieses "loslassen", diesem neuen Raum zwischen der Expertise und mir selbst, ermöglicht mir neue Blickwinkel auf die Expertise zu integrieren. So können auch meine Wissenslücken und Erfahrungsblindheit integriert werden, ohne dass ich mich als Mensch infrage stellen muss. Was für eine Erleichterung und Bereicherung.


2 - Maximale Bestätigung von Aussen im Wirken erfahren


Ich habe eine Zeit lang ein eher intensives Leben geführt. Bin viel herumgereist in der Schweiz, habe viele Ausbildungen und Konferenzen besucht und bei vielen Firmen Coachings und Trainings gegeben. Dieses Leben hat mich gefordert, gefreut und ausgelaugt. Wobei das ausgelaugt, ist mir eher über die Zeit aufgefallen. Es hat mir auch viel gegeben. Ruhm, Stolz, Aufmerksamkeit und Bestätigung meines Wirkens. Ich habe dabei auch wirklich viel Geld verdient, womit ich mich auch sehr gerne identifiziert habe. Nach dem Motto: Wer viel gibt, hat auch viel verdient. Doch irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich ganz viel im Aussen, bei den Kunden, Theorien und Konzepten am Wirken bin, in mir drin aber sehr wenig Entwicklung stattfindet. Und über die Zeit fühlte sich das nicht mehr stimmig an. Eine innere Spannung hat sich aufgebaut, zwischen dem, was ich da jahrelang meinen Kunden erzählt habe und was ich wirklich dazu fühlte. Dazu ein Textausschnitt aus dem Buch «Das Meer weist keinen Fluss zurück» von Abt Muho: «Ein wahrer Meister ist einer, der, unabhängig von Alter oder Laufbahn, der wahren Lehre auf den Grund gegangen ist und darin die Bestätigung eines anderen wahren Meisters erlangt hat. Mit persönlichen Ansichten gibt er sich nicht ab, bei Gefühlen bleibt er nicht stehen und sein Tun stimmt mit seinem Verständnis überein.» Die letzte Passage, fett markiert, beschreibt exakt, was mir über die Zeit abhandengekommen ist und zu diesem inneren Spannungsfeld geführt hat.


Ich habe mir nach einem geschäftlichen Umbruch eine Ruhepause gegönnt und mich für zwei Jahre in ein bestehendes Arbeitssystem integriert. Sprich, eine Anstellung in einer Führungsrolle übernommen und nur noch sporadisch meine oben erwähnte Expertise ausgespielt. Dieser radikale Rollenwechsel hat mir die Möglichkeit für innere Inventur und Raum für persönliche Entwicklung gegeben. In der Retrospektive ist mir aufgefallen, wie fest ich mich mit dieser aussen orientierten, erfolgsorientierten Person identifiziert habe. Und wie viel Erleichterung es mir bringt, davon loszulassen. Einfach im Nebel des Lebens, in meinem kleinen Reich wirken zu können. Oder gar nicht zu wirken, einfach sein.


Nach zwei Jahren in dieser Anstellung als Führungskraft habe ich mich erneut für die Selbständigkeit entschieden. Ich gönne mir aber jetzt die Ruhe und die Zeit. Und wie immer, wenn man etwas wiedererlangt, was man verloren hatte, hat es eine neue, tiefere Qualität. Ich schätze die Freiheit jetzt viel mehr und will sie weiser gestalten. Ich weiss, es wird gutes und schwieriges auf mich zukommen. Und ich weiss, was auch immer kommt, ich lasse möglichst alle Erwartungen dazu los.


Fazit

Ich stelle fest, loslassen erleichtert mich. Bietet Freiraum für farbige Perspektiven und neues, das werden will. Und ist in seiner Kraft erst in der Retrospektive für mich klar wahrnehmbar und zugänglich.


Und ganz zum Schluss kann man auch das Loslassen loslassen. Was für ein schöner Gedanke, den ich heute im Buch «Der Mond leuchtet in jeder Pfütze» von Abt Muho gefunden habe. Damit habe ich noch keine Erfahrung, aber wer weiss, wenn das Leben so weitergeht, erlebe ich es vielleicht 😍.



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