Mind the gap
- Franziska Stebler

- 25. Aug. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Dez. 2025
Beachte die Lücke zwischen Absicht und Wirkung ...
In unserer täglichen Kommunikation und besonders in Konfliktsituationen erleben wir häufig, dass die Wirkung unserer Worte oder Taten eine ganz andere ist, als unsere ursprüngliche Absicht. Diese Differenz kann oft zu Missverständnissen und Spannungen führen. Es ist wichtig, Absicht und Wirkung bewusst getrennt zu betrachten und zu verstehen, dass die Wahrnehmung der Empfänger oft entscheidender ist als die ursprüngliche Absicht der Sender.
Beispielsweise ein direkter Kommentar
Absicht: Ein Kollege macht einen direkten Kommentar zur Effizienz eines Prozesses, weil er glaubt, dass klare Worte zur Verbesserung beitragen können.
Wirkung: Eine Kollegin fühlt sich durch den Kommentar persönlich angegriffen und glaubt, dass ihre Bemühungen und Arbeit nicht geschätzt werden.
Warum ist es so wichtig, diese Differenz zwischen Absicht und Wirkung zu verstehen?
⚜️ Sie fördert Empathie und Verständnis: Wenn wir uns bewusst machen, dass unsere Absicht nicht immer mit der Wirkung übereinstimmt, können wir empathischer und verständnisvoller auf die Reaktionen unserer Mitmenschen eingehen.
⚜️ Sie vermeidet Missverständnisse: Indem wir klar kommunizieren und nachfragen, wie unsere Worte oder Taten wahrgenommen wurden, können wir Missverständnisse frühzeitig klären.
⚜️ Sie verbessert die persönliche Kommunikationsfähigkeit: Unsere Kommunikationsfähigkeit kann ständig kultiviert und verbessert werden. Es führt zu einem stimmigeren Umgang mit unseren Mitmenschen und mit uns selbst. Optimalerweise können wir uns so aus dem Dramamodus lösen.
Wie können wir diese Erkenntnisse im Alltag umsetzen?
Reflektieren: Überlegen wir, wie unsere Worte und Taten wirken könnten, bevor wir handeln.
Aktives Zuhören: Nehmen wir uns Zeit, die Perspektive und Gefühle unseres Gegenübers zu verstehen.
Offene Kommunikation: Teilen wir unsere Absicht klar und deutlich mit und seien wir offen für Rückmeldungen zur Wirkung unserer Worte oder Taten.
Empathische Haltung: Versuchen wir, uns in die Lage der anderen Person zu versetzen und ihre Reaktion nachzuvollziehen, ohne sofort zu urteilen.
Nachfragen als Schlüssel für die Klarheit:
Wirkung erfragen beim Gegenüber:
Magst du kurz mit mir teilen, was du jetzt verstanden hast?
Wie wirkt dies auf dich?
Absichten erfragen beim Gegenüber:
Wie meinst du das?
Was beabsichtigst du damit?
Was ist deine Absicht?
Oder direkt die Annahme formulieren: Ich nehme wahr, deine Absicht ist ... und deshalb verhältst du dich so. Ist das korrekt?
Welchen Nutzen hat dies in der Konfliktklärung?
Auch in Konfliktklärungen dreht sich ganz oft der Dialog um Absichten und Wirkungen. Es gilt, die Konfliktsituationen gemeinsam zu analysieren, die bewussten Absichten zu formulieren und die daraus entstandenen Wirkungen gemeinsam anzuerkennen.
Ihr könnt euch vorstellen, das ist eine Spurensuche-Arbeit, die etwas von einem 3-Fragezeigen-Krimi hat. Einfach unter erschwerten Bedingungen, da die Konfliktdynamik sich wie Rauch verhält und alles eintrübt und die Sicht unglaublich beeinträchtigt. Aber die Arbeit lohnt sich, da dadurch potenziell Wendepunkte in der Klärung hin zu einer Lösung ermöglicht werden.
Fazit: Die Lücke bewusst schliessen
Die Lücke zwischen Absicht und Wirkung ist kein Kommunikationsfehler, sondern ein menschliches Phänomen. Sie zeigt sich besonders dort, wo es wichtig wird: in Zusammenarbeit, Beziehungen und Konflikten. Entscheidend ist nicht, ob diese Lücke entsteht – sondern wie wir mit ihr umgehen.
Wenn wir lernen, Absicht und Wirkung bewusst zu unterscheiden, öffnen wir einen Raum für Verständnis statt für Schuldzuweisungen. Nachfragen, Zuhören und das Anerkennen der Wirkung ermöglichen Klärung, bevor sich Missverständnisse verfestigen oder Konflikte eskalieren.
„Mind the gap“ ist damit weniger eine Technik als eine Haltung: präsent, empathisch und bereit, Verantwortung für die eigene Wirkung zu übernehmen. So wird Kommunikation klarer, Beziehungen stabiler – und Konflikte verlieren an Schärfe.
Häufige Fragen zum Thema Absicht und Wirkung
Wie kann ich mich im hektischen Alltag daran erinnern, diese Praktiken anzuwenden?
Das gelingt vor allem dann, wenn du gut bei dir selbst bist. Achte im Verlauf des Tages immer wieder auf deine innere Verfassung: Spannung im Körper, innere Unruhe oder ein schneller werdender Atem sind oft frühe Hinweise. In diesen Momenten lohnt es sich, kurz innezuhalten und bewusster zu kommunizieren. Innere Stabilität schafft die Voraussetzung, um die Wirkung deiner Worte wahrzunehmen und gegebenenfalls nachzufragen.
Muss ich immer sofort die Absicht hinterfragen oder kann ich auch später tun?
Direkt im Dialog ist es oft am wirkungsvollsten. Gleichzeitig gilt: Klärung darf reifen. Wenn dir im Nachhinein auffällt, dass du etwas anders verstanden haben könntest, oder du spürst, dass etwas „hängengeblieben“ ist, darfst du jederzeit nachfragen – auch Tage später. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Achtsamkeit und den ehrlichen Wunsch nach Verständnis.
Was, wenn meine Absicht gut war, die Wirkung beim Gegenüber aber trotzdem verletzend ist?
Dann zählt beides. Die gute Absicht darf benannt werden – und gleichzeitig braucht es die Anerkennung der Wirkung. Für das Gegenüber ist die erlebte Wirkung real, unabhängig davon, wie sie gemeint war. Erst wenn beides Platz hat, entsteht echte Klärung. Recht haben hilft hier wenig – verstanden werden umso mehr.
Ist es nicht anstrengend, ständig über Absicht und Wirkung nachzudenken?
Zu Beginn kann es sich ungewohnt anfühlen. Mit der Zeit wird es jedoch zu einer inneren Haltung, nicht zu einer Technik. Wer lernt, die Lücke zwischen Absicht und Wirkung wahrzunehmen, kommuniziert klarer, ruhiger und wirksamer – und gerät seltener in Eskalationen oder Missverständnisse. Langfristig spart diese Achtsamkeit Energie statt sie zu kosten.
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