Der Konflikt – das Wesen zwischen uns
- Franziska Stebler

- 24. Aug. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Dez. 2025
Jetzt verrate ich dir vielleicht das grösste Geheimnis, wenn es um Konflikte geht. Es wird deine Sicht auf Konflikte fundamental verändern: Konflikte sind so etwas wie eigenständige Wesen. Du kannst sie dir wie Viren in unseren Beziehungen vorstellen. Mit dem Grippevirus hast du sicher schon Bekanntschaft gemacht. Er beginnt klein und harmlos, ein wenig Halsschmerz und vielleicht einen schweren Kopf. Ignorierst du dies, übernimmt der Virus immer mehr die Oberhand über deinen Körper, bis er dich mit Fieber, Kopfschmerz und Gliederschmerzen ins Bett zwingt. Auch Konflikte sind wie eigenständige, virale Gebilde. Sie bilden sich aus Missverständnissen, Ärger, Wut oder den vielen ungesagten und belastenden Dingen.
Wann hast du dich das letzte Mal so richtig aufgeregt?
Als dir jemand widersprochen hat? Als dich jemand nicht beachtet hat? Als du nicht zu Wort in einer Diskussion gekommen bist?
· Was wäre gewesen, wenn es dir nicht so wichtig gewesen wäre?
· Wie hättest du dich verhalten, wenn du ein klitzekleines bisschen Distanz zwischen dir und deiner Meinung gehabt hättest?
· Spürst du, wie bereits bei diesem Gedanken eine emotionale Entlastung stattfindet? Wie dein Körper sich entspannt, vielleicht die Last von deiner Schulter fällt und dir leichter ums Herz wird?
Je mehr du dich mit deinen Dingen, Meinungen, Standpunkten und Gefühlen identifizierst, also mit ihnen verbunden bist (ja, das geht auch anders), desto einfacher machst du es, dem Konflikt, sich aufzublähen.
Mein Erlebnis mit meiner Expertise
Ich war lange Zeit sehr eng mit meiner beruflichen Expertise verbunden – ich galt als Expertin in einer bestimmten Methodik. Wenn jemand eine andere Meinung zu dieser Methodik äusserte, fühlte ich mich sofort angegriffen und infrage gestellt, manchmal sogar verletzt. Ich reagierte darauf oft wütend, denn ich nahm jede abweichende Sichtweise als persönlichen Angriff wahr. Zwischen mir und der Methodik gab es keinen Abstand – wir waren eins. Ich definierte meine Identität zu einem grossen Teil darüber.
Erst als ich erkannte, dass ich zwar eine Expertise in dieser Methodik besass, aber nicht mit ihr identisch bin, konnte ich andere Meinungen gelassener annehmen. Unterschiedliche Standpunkte fühlten sich nicht mehr wie ein Angriff auf meine Person an, sondern einfach wie das, was sie waren: andere Perspektiven.
Kommt dir das bekannt vor?
Hast du ebenfalls Themen, die dir unglaublich wichtig sind? Mit denen du dich sehr gerne identifizierst? Achte darauf, denn bei diesen Themen bist du besonders angreifbar. Regst du dich bei Widerworten, ja schon nur einer möglichen anderen Perspektive auf? Und Konflikte lieben Menschen, die sich aufregen. Konflikte lieben ebenfalls Menschen, die ihre Gefühle, Bedürfnisse und Worte herunterschlucken. Wie zum Beispiel den Satz: «Nein, das stimmt so für mich nicht!» Dies generiert eine Blockade in dir, denn diese Energie ist jetzt in dir gefangen. Bei der nächstbesten Situation ploppt sie wieder «hoch». Das Erleben summiert sich, der Ärger wird grösser und grösser. Konflikte lieben diese unverdauten Triggerpunkte. Sie sind ihr Futter, damit sie sich weiter aufblähen können!
Der Konflikt – das Wesen zwischen uns
Konflikte sind wie eigenständige Wesen, fast wie Viren in unseren Beziehungen. Sie beginnen klein – Missverständnisse, Ärger, unausgesprochene Dinge – und können sich ausbreiten, bis sie uns überwältigen. Je stärker wir uns mit unseren Meinungen, Standpunkten oder Gefühlen identifizieren, desto leichter „füttern“ wir diese Konfliktviren und lassen sie wachsen.
Wenn wir lernen, Distanz zu unseren Emotionen und Identifikationen zu schaffen, verlieren Konflikte ihre Macht. Ich habe das selbst erlebt: Früher reagierte ich wütend auf jede abweichende Meinung zu meiner Expertise, weil ich mich mit meiner Methodik identifizierte. Erst als ich erkannte, dass ich nicht meine Expertise bin, konnte ich andere Perspektiven gelassener annehmen. Unterschiedliche Meinungen fühlten sich nicht mehr wie ein Angriff auf meine Person an, sondern einfach wie das, was sie waren: andere Sichtweisen.
Praktische Schritte, um Konflikte „klein“ zu halten
1. Frühes Wahrnehmen: Achte auf Signale deines Körpers und deiner Emotionen – Spannung, Unruhe, Ärger. Je früher du merkst, dass ein Konflikt entsteht, desto leichter kannst du ihn beeinflussen.
2. Distanz schaffen: Erinnere dich innerlich daran: „Ich bin nicht meine Meinung, nicht meine Expertise, nicht mein Ärger.“ Ein mentaler Schritt zurückschafft Klarheit.
3. Energie kanalisieren: Unterdrückte Gefühle füttern Konflikte. Formuliere deine Bedürfnisse und Ärger in Ich-Botschaften, teile sie konstruktiv mit und finde sichere Wege, Emotionen auszudrücken.
4. Beziehungsebene berücksichtigen: Frühzeitig die Sichtweisen und Gefühle der anderen wahrnehmen. Konflikte wachsen oft nicht durch die Sache, sondern durch verletzte Bedürfnisse und unausgesprochene Erwartungen.
5. Offene Kommunikation: Frage nach der Wirkung deiner Worte: „Wie hast du das empfunden?“ Oder teile deine Absicht klar: „Meine Intention war …“. So entstehen Verständnis und Entlastung – die Nährböden der Konfliktviren werden trockengelegt.
Fazit: Konflikte erkennen und wirksam begegnen
Konflikte sind weder gut noch böse – sie sind Informationssignale, die zeigen, wo Energie blockiert ist. Wer sie früh erkennt, Distanz zu seinen Emotionen schafft und offen kommuniziert, kann verhindern, dass sich ein Konflikt aufbläht und „krank macht“.
Die Arbeit lohnt sich: Indem wir Konflikte bewusst beobachten und lenken, können wir Energie freisetzen, Beziehungen stabilisieren und Zusammenarbeit nachhaltig verbessern. Konflikte werden damit nicht verschwinden – aber sie verlieren die Macht, uns unkontrolliert zu überwältigen.
Häufige Fragen zum Thema Konflikte - das Wesen zwischen uns
Wenn Konflikte wie „Viren“ sind – kann ich sie überhaupt kontrollieren?
Ja, teilweise. Du kannst nicht verhindern, dass Konflikte entstehen, aber du kannst beeinflussen, wie sie sich entwickeln. Frühes Wahrnehmen, Distanz zu eigenen Emotionen und offene Kommunikation wirken wie ein „Immunsystem“: Sie verhindern, dass der Konflikt unkontrolliert wächst.
Wie kann ich Distanz zu meinen eigenen Gefühlen oder Meinungen schaffen?
Eine einfache Methode: Erkenne bewusst, dass du nicht deine Meinung, nicht deine Expertise und nicht deinen Ärger bist. Ein mentaler Schritt zurück, Atempausen oder das Aufschreiben deiner Gedanken helfen, emotionale Klarheit zu gewinnen, bevor du reagierst.
Muss ich immer alles sofort ansprechen, was mich stört?
Nicht unbedingt. Frühzeitiges Ansprechen ist oft wirkungsvoll, aber Konfliktklärung kann auch reifen. Wichtig ist, dass du bewusst wahrnimmst, welche Themen Energie blockieren, und dass du irgendwann den Mut findest, sie anzusprechen – auch Tage später. Klärung braucht keine Perfektion, sondern Aufmerksamkeit und Absicht.
Was tun, wenn andere den Konflikt „füttern“ oder blockieren?
Dann konzentriere dich auf das, was du beeinflussen kannst: deine Haltung, deine Worte, deine Reaktionen. Offene Fragen stellen, Absichten und Wirkung klären, Ich-Botschaften nutzen. Auch wenn andere sich nicht sofort öffnen, stabilisierst du so die Beziehungsebene und verhinderst, dass der Konflikt weiter eskaliert.




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