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Die Kontrolle entlarven

  • Autorenbild: Franziska Stebler
    Franziska Stebler
  • 2. Jan.
  • 8 Min. Lesezeit

Die Kontrolle ist wie die Ritterrüstung, wir vertrauen dem Leben nicht, also probieren wir es vorsätzlich zu steuern. Dank der Kontrolle bilden wir uns ein, dass wir es irgendwie im Griff haben. In meinem Erleben gelingt uns dies vielleicht bis zu einem gewissen Grad, doch der Preis ist hoch. Kontrolle ist mühsam, zeitaufwendig, energiefressend und potenziell mit viel Schmerz und Leid verbunden.

Kontrolle kann so vieles sein. Beginnen wir beim Grossen, dem Lebensplan. Ich will Kinder, ein Haus, ein Auto, einen Mann. Und bitte alles perfekt.


Kontrolle finden wir im Alltag

Einen durchgetakteten Wochenplan.

Das verplante Wochenende. Die Pendenzenliste, das Sporttracking- Tool, die Bullet-Point-Liste, die Kontrolle über unsere Liebsten und ihr Leben. Du siehst, Kontrolle ist ein Phänomen mit globalen und lebensumspannenden Ausmassen. Und in unserer Leistungsgesellschaft wird die Kontrolle oft als ein Erfolgsfaktor promotet. Was, du trackst dein Fitnesslevel nicht, geht gar nicht. Leben ohne Schrittzähler und Kalorienapp, verwerflich.

Doch schauen wir doch mal hin, was die Kontrolle mit uns macht. Sie hält uns klein, engt uns ein, trennt uns vom unmittelbaren Erleben ab und entzieht uns sehr viel Energie. Sie suggeriert uns, du brauchst dein Leben nur zu kontrollieren, dann wird es perfekt ablaufen (und du wirst glücklich)! Perfekt ist genau das richtige Wort, denn Perfektionismus ist ebenfalls eine Ausprägung von Kontrolle. Eine äusserst

beliebte. Doch was heisst schon perfekt? Im Duden steht: im Hinblick auf bestimmte Fähigkeiten, die Ausführung von etwas, so gut, dass es nicht das Geringste daran auszusetzen gibt. Eh, voilà, da sind wir wieder mal beim Beurteilen. Urteilen über andere und über mich.


Offenbar hat die Kontrolle viel mit der Angst vor Urteil zu tun. Mit der

Unvollkommenheit, mit der Unsicherheit. Dieser irgendwie zu begegnen, beziehungsweise ihr auszuweichen. Ja, da ist Kontrolle eine Variante, wobei nicht die weiseste. Energietechnisch, ich spreche hier die Lebensenergie an, höchstwahrscheinlich die schlechteste.

Ich sage nicht, dass es nie Kontrolle braucht, doch sie hat heute einen Kultstatus, der echt schon massive Schmerzen bereitet. Sie wird verherrlicht als Allerheilsmittel für ein erfolgreiches (was ist das überhaupt?) und glückliches Leben, ein Versprechen, das sie nicht halten kann.


Kontrolle ist selten ein Selbstläufer. Sie basiert darauf, dass wir bewusst eingreifen und steuern wollen – sei es durch Pläne, Regeln, Verbote oder Routinen. Dafür brauchen wir Willenskraft. Wir müssen uns immer wieder aktiv entscheiden («Nein, keinen Kuchen!»). Wir müssen Disziplin aufbringen, auch wenn es anstrengend ist. Wir müssen uns oft gegen spontane Impulse wehren. Fazit: Kontrolle saugt

Willenskraft wie ein Akku leer.


Willenskraft ist wie ein Muskel


Psychologisch betrachtet funktioniert Willenskraft wie ein Muskel: Sie kann trainiert werden, aber sie ermüdet auch. Wenn wir zu viel Energie für Kontrolle einsetzen, haben wir weniger Kraft für andere Dinge (Freude, Kreativität, Spontaneität). Wer seinen Tag komplett durchplant, hat abends oft keine Energie mehr für kleine Entscheidungen. Wer seine Ernährung streng kontrolliert, erlebt oft Heisshungerattacken – die Willenskraft ist erschöpft. Wer seine sportlichen Einheiten trackt wie ein Metronom, verliert die Verbindung mit der natürlichen Lust des Körpers auf Bewegung. Bewegung einfach, weil es Spass macht, lieber nicht. Zu viel Kontrolle führt paradoxerweise oft zu Kontrollverlust, weil die Willenskraft irgendwann nachgibt.

Wenn Willenskraft aus der Tiefe kommt – also aus einem echten Wollen – dem Bedürfnis – statt aus einem Müssen – fühlt sie sich anders an. Kontrolle kann sein: «Ich muss mich disziplinieren, damit ich das Ziel erreiche.» Gesunde Willenskraft: «Ich will etwas, weil es mir entspricht – und dann fällt es leichter.» Kontrolle engt Willenskraft ein, während eine klare innere Ausrichtung sie befreit. Hingabe oder Vertrauen setzen Willenskraft frei. Die Energie fliesst dann natürlicher,

leichter und mit weniger Reibung.



"Mit der Kontrolle wurde ich clever

ohne die Kontrolle wurde ich weise."



Wie viel Kontrolle ist gesund?


Optimal ist es, wenn höchstens für 30 % des Alltages die Kontrolle, also das Müssen, als Stellhebel für die Handlung dient. Die restlichen 70 % des Lebens sollten mit einem inneren «Ja» als Motivation in die Handlung führen.

In diesem Buch werden wir uns dem Weg widmen, wie wir uns unseren Lebensthemen mit einem inneren «Ja» zuwenden können. So wird die innere Anspannung, die Kontrolle weniger und das Vertrauen sowie die Hingabe mehr werden.


Ich kenne genau eine Kraft, die diesen Wandel, diese tiefe Transformation, vollbringen kann. Es ist die Liebe, die allumfassende Liebe.

Liebe zu mir selbst und Mitgefühl (die kleine Schwester der Liebe) mit mir und allen Wesen. Die tiefe Liebe zum Leben, die an diesem einen Ort in allen Wesen ausströmt. Ich nenne es den Ort in mir drin, wo das Leben ist. Und die Lebensenergie ist eine Qualität dieser Liebe.


So kann Liebe über Angst, Mitgefühl über Mitleid, Präsenz über Urteil und Vertrauen über Zweifel sich entfalten. So kann Kontrolle immer weniger und das Vertrauen immer grösser werden. Daraus entstehen Freiheit, Lebendigkeit und ein Reichtum im Leben, der zuvor von der Kontrolle verdeckt worden ist.


Diese allumfassende Liebe steht uns allen zur Verfügung. In meinem Erleben ist sie das Resultat der Erweckung des Beobachters und des Bewusstseins in unseren inneren Räumen. Sowie der Öffnung des Herzens. Dank diesen können wir unsere inneren Räume und dadurch unser äusseres Leben kraftvoll wandeln. Als Ergebnis wird die Liebe bei uns innen einziehen.


Wie wir den Beobachter in uns erwecken, bewusstwerden und das Herz öffnen, dem werden wir uns in den nächsten Beiträgen ausführlich widmen.


Beispiel: Ernährung & Kalorienzählen

Stell dir Anna vor. Anna hat beschlossen, «endlich gesünder zu leben». Also trackt sie seit Wochen jede Mahlzeit: das Müsli am Morgen, den Cappuccino zwischendurch, das Stück Schokolade nach dem Mittagessen. Sie kennt den Kalorienwert von fast allem – sogar von einem Apfel.

Die Kontrolle gibt ihr das Gefühl, «am Steuer» zu sitzen. Doch wenn sie ehrlich hinschaut, merkt sie: Ihr Alltag ist enger geworden. Spontan mit Freunden essen gehen? Stress, weil sie nicht weiss, wie viele Kalorien im Menü stecken. Lust

auf ein Stück Kuchen? Sofort meldet sich die innere Richterin: «Das passt nicht in dein Tracking!»

Wenn Anna ihr Leben wie ein Adler von oben betrachtet, sieht sie: Eigentlich wollte sie Leichtigkeit und Freude beim Essen – und gelandet ist sie bei Druck, Verboten und Schuldgefühlen.

Auf ihrer Skala steht sie beim Thema Ernährung vielleicht bei einer 3 (sehr viel Kontrolle, wenig Freiheit).


Beispiel: Sport & Tracking-App

Stell dir Karin vor. Karin bewegt sich regelmässig – aber nicht, weil sie Lust auf Sport hat, sondern weil ihre Tracking-App es ihr vorschreibt. Schritte, Puls, Kilometer, verbrannte Kalorien:

Alles wird akribisch festgehalten. Wenn sie eine Trainingseinheit verpasst, meldet sich sofort die innere Antreiberin: «Du musst dich mehr bewegen! Sonst verlierst du deinen Fortschritt!»

Sie weiss genau, wo sie steht und was sie «geleistet» hat. Doch wenn sie ehrlich hinschaut, merkt sie: Ihre Bewegungen fühlen sich oft nach Zwang an, nicht nach Freude. Statt Freiheit erlebt sie Druck – und selbst nach dem Training ist

sie angespannt, ob es auch «genug» war.

Neulich wagt sie etwas Neues: einmal pro Woche einen Spaziergang ganz ohne App, ganz ohne Ziel. Nur sie, die frische Luft, die Natur. Da spürt sie zum ersten Mal seit Langem Leichtigkeit in ihrer Bewegung. Nimmt wahr, was um sie

alles ist und ist weniger im Tunnel der Leistung gefangen.

Und sie bemerkt: Entspannung ist möglich – davor, währenddessen und danach.

Auf ihrer Skala steht sie beim Thema Sport vielleicht bei einer

4 (viel Kontrolle, erste Schritte in Richtung Freiheit).


Bewusstsein anstelle von Kontrolle aktivieren

1. Der Adlerblick


Lehne dich zurück, schliesse für einen Moment die Augen und stell dir

vor, du schwebst wie ein Adler über dein Leben. Aus der Höhe siehst du

deine letzten Wochen. Wo hat die Kontrolle dich besonders im Griff

gehabt? Achte auf die Momente, die eng, hart oder mühsam wirken.


2. Das Aufspüren


Notiere dir die Themenfelder, die sich schwer anfühlen, zum Beispiel

Ernährung, Bewegung, Sport, Beziehung, Arbeit, Freizeit. Frage dich:

  • Wo erlebe ich Enge?

  • Wo wünsche ich mir mehr Leichtigkeit?


3. Die Skala


Hinter jedes Thema zeichnest du eine Skala von 1 (maximale Kontrol-

le & Enge) bis 10 (volle Leichtigkeit und Freiheit). Markiere, wo du

heute stehst.


4. Den Raum erforschen


  • Zwischen 1 und deinem aktuellen Wert: Was tust du heute, das dich dorthin gebracht hat? (Bei Anna: Kalorienzählen, Schuldgefühle bei „zu viel“ Essen, ständiges Abwägen.)

  • Zwischen deinem Wert und der 10: Was würde dir mehr Luft verschaffen? Wie könnte es leichter für dich sein? (Bei Anna: Ein Essen pro Tag ohne App dokumentieren. Oder: einmal pro Woche bewusst geniessen, ohne zu tracken.)


5. Dein Experiment


Wähle für jedes Thema ein Experiment, das du in den nächsten Tagen ausprobieren möchtest.

Bei Anna könnte das sein: „Ich gönne mir morgen mein Lieblingsdessert – und beobachte, wie es sich anfühlt, es ohne App einfach zu geniessen.“

Die Veränderung von dem inneren «Ich muss» zu einem inneren «Ja, ich will» wird in kleinen Schritten stattfinden. Es wird sich, sofern du die Disziplin aufbringst, über Jahre entwickeln dürfen. Bewahre die Notizen und Skalierungen dieser Übung auf. Wirf immer mal wieder im Verlauf der weiteren Kapitel einen Blick darauf. Wo stehst du dann? Was hat sich bereits bewegt, verändert? Hin zu mehr Leichtigkeit und Hingabe?



In sechs Etappen zu einem Leben in Leichtigkeit und Freiheit


Falls du nicht warten magst, findest du im Buch Lebe in Leichtigkeit und Freiheit - Vertraue dem Prozess viele Anregungen, wie du Dank dem Loslassen der Kontrolle innere Leichtigkeit und Freiheit stärken kannst.



Buch Lebe in Leichtigkeit und Freiheit
Lebe in Leichtigkeit und Freiheit - Vertraue dem Prozess. Erschienen Dezember 2025.


Häufige Fragen zum Thema Kontrolle entlarven


Heisst das, ich soll aufhören zu planen und alles laufen lassen?

Nein. Kontrolle an sich ist nicht das Problem. Sie hat ihren Platz. Die Frage ist nicht ob du kontrollierst, sondern wie viel und woher.


Planen kann hilfreich sein – solange es dich unterstützt und nicht einengt. Sobald Planung aus Angst entsteht oder dich vom Fühlen trennt, wird sie teuer. Vertrauen heisst nicht Chaos. Vertrauen heisst, dass Planung dem Leben dient und nicht umgekehrt.

Woran merke ich überhaupt, dass ich zu viel kontrolliere?

Ein guter Hinweis ist dein Körper. Enge, innere Anspannung, Müdigkeit, Gereiztheit oder das Gefühl, ständig „dran bleiben zu müssen“, sind oft Signale von Überkontrolle.

Auch Gedanken wie „Ich darf nicht…“, „Ich muss unbedingt…“ oder „Sonst verliere ich alles“ deuten darauf hin. Kontrolle fühlt sich selten leicht an. Sie fühlt sich oft korrekt an – aber nicht lebendig.

Aber ohne Kontrolle verliere ich doch meine Disziplin, oder?

Das glauben viele. Doch Disziplin aus Müssen ist nicht dasselbe wie Willenskraft aus innerem Wollen.


Wenn du etwas tust, das dir wirklich entspricht, brauchst du weniger Druck. Die Energie kommt dann nicht aus Anstrengung, sondern aus Ausrichtung.


Paradoxerweise entsteht echte Verbindlichkeit oft erst dann, wenn Kontrolle weicher wird.

Was ist der Unterschied zwischen gesunder Willenskraft und Kontrolle?

Kontrolle sagt: „Ich muss mich im Griff haben.“


Gesunde Willenskraft sagt: „Ich stehe innerlich dahinter.“


Bei Kontrolle kämpfst du gegen dich. Bei Willenskraft gehst du mit dir.


Der Unterschied zeigt sich im Energiehaushalt: Kontrolle macht müde. Willenskraft aus einem inneren Ja macht wach.

Und wenn ich Angst habe, ohne Kontrolle Fehler zu machen?

Dann lohnt es sich, genau diese Angst liebevoll anzuschauen. Kontrolle schützt oft vor dem Gefühl, ungenügend zu sein oder beurteilt zu werden.


Fehler sind jedoch kein Zeichen von Versagen, sondern von Lebendigkeit. Vertrauen bedeutet nicht, dass alles perfekt läuft – sondern dass du dir zutraust, mit dem Unperfekten umzugehen.

Wie beginne ich konkret, Kontrolle loszulassen – ohne mich zu überfordern?

Nicht radikal. Sondern neugierig.


Ein kleines Experiment reicht: ein Moment ohne Tracking, ohne Optimierung, ohne Bewertung.


Beobachte, was passiert – im Körper, in den Gedanken, in der Stimmung.


Loslassen ist kein Entscheid im Kopf (im Verstand), sondern ein Prozess im Erleben, im Körper.

Warum spielt Liebe hier so eine zentrale Rolle?

Weil Liebe den inneren Kampf beendet. Wo Liebe ist, muss nichts bewiesen, kontrolliert oder perfektioniert werden.


Liebe schafft Raum. Und in diesem Raum wird Vertrauen möglich – erst nach innen, dann nach aussen. Kontrolle schrumpft, wenn du dir selbst mit Mitgefühl begegnest. Und deine Verletzlichkeit mit Liebe annimst.

Was gewinne ich wirklich, wenn ich weniger kontrolliere?

Mehr als du verlierst. Du gewinnst Energie, Präsenz, Lebendigkeit – und oft auch Klarheit. Du wirst nicht passiver, sondern echter.

Und du beginnst, dein Leben nicht mehr zu managen, sondern zu bewohnen.


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Franziska Stebler: Lebe in Leichtigkeit und Freiheit - Vertraue dem Prozess
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Die Autorin

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Franziska Stebler

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Denn dort beginnt die Transformation – hin zu einem gelasseneren, friedvolleren Leben.

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